Review: Torres – Thirstier

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Wer Torres ernsthaft noch ein Singer/Songwriter-Meisterwerk wie Sprinter zutraut, hat nichts anderes verdient als enttäuscht zu werden. Alle anderen können sich an dem 90er-Sound von Thirstier erfreuen – oder es zumindest versuchen.

Zugegeben, Mackenzie Scott alias Torres geht mit ihrem fünften Album Thirstier nicht den einfachen Weg. Auf der anderen Seite ist spätestens seit dem im vergangenen Jahr veröffentlichten, vor Zuversicht strotzenden Silver Tongue, wenn nicht sogar seit Three Futures (2017), klar, dass es kein Zurück mehr zum reduzierten, teils spröden Sound ihrer Anfangstage geben wird. Das ist schade, spricht aber auch für die Musikerin, die sich dem Ethos verpflichtet fühlt, sich und ihre Kunst stetig zu verändern und weiterzuentwickeln. Bereits die vorab veröffentlichten Songs deuteten an, dass Thirstier eine andere Richtung  als der Vorgänger Silver Tongue einschlagen wird: mehr verzerrte Gitarren, mehr Synthesizer, mehr Pop. All das gibt’s auch zu hören im Opener Are You Sleepwalking?, der mit einem verzerrten Gitarrenton beginnt, die Strophen tief im 90er-Alternative-Rock verwurzelt, bis der zerschossene Dance-Pop-Refrain dazwischenfunkt. Insgesamt gibt sich Torres kontrollierter, hat sich und ihre Songs mehr im Griff, so überschreitet kein Track die Fünf-Minuten-Marke. Vergeblich sucht man siebenminütige Melancholie wie November Baby vom Debüt, funkelnde Schönheit wie Marble Focus, noch nicht mal zu einem Song, zu dem man Leichen verscharren kann wie Helen In The Woods, hat sie sich hinreißen lassen. Weniger Wahnsinn, mehr Fokus – und der erneute Beweis, was für eine fantastische Songwriterin die junge Amerikanerin ist, nachzuhören im frühen Highlight Don’t Go Puttin Wishes In My Head, das mit tollem Refrain begeistert. “Ich habe eine sehr tiefe Freude in mir entdeckt, die ich ehrlich gesagt für einen Großteil meines Lebens nicht gespürt habe”, so die Künstlerin. Die neu gewonnene Lebensfreude hört man dem Song an, der damit exemplarisch für den optimistischen Grundton der Platte steht, so heißt es im abschließenden Keep The Devil Out: „I for one am gonna dig us out here/ I have got all the hope I need/ To keep the devil out my ear“.

Viele der Texte handeln von der Kraft der Fantasie oder von der Liebe in all ihrer Vielfalt. Diese Art der Stringenz hätte auch der Musik stellenweise gut getan, etwa Hug From A Dinosaur, das wie ein Lou-Barlow-Dinosaur-Jr.-Song startet, im Refrain aber den Synthesizer anwirft und wie die neueren Weezer in unpeinlich klingt. Der Indierock-Appeal der Strophen steht Torres besser, als der Breitwand-Refrain – schade, dass sie sich nicht mehr davon gönnt, stattdessen auf lupenreine Elektro-Pop-Songs wie Kiss The Corners oder Hand In The Air setzt, wobei vor allem letzterer abermals unter Beweis stellt, dass ihre Stimme dann am besten klingt, wenn sie ins Dramatische kippt, und, das mag an dem Alter des Autors liegen, mehr an Lady Gaga als an Björk erinnert. Versteht sich von selbst, dass das immer noch gut, aber eben auch der Grund dafür ist, dass Thirstier mehr Zeit benötigt, um das zu erreichen, was die Vorgänger in weniger Durchläufen geschafft haben: den Hörer um den Finger zu wickeln.

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Label: Merge/Cargo
VÖ: 30.07.2021

Genre: Alternative Rock, Pop, Singer/Songwriter

Vergleichbar:
Sharon Van Etten – Remind Me Tomorrow
Wye Oak – The Louder I Call, The Faster It Runs

Wertung: 11/15

 

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