Review: Petrol Girls – Cut & Stitch

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Seit der Veröffentlichung ihres starken Debüts Talk Of Violence 2016 ist die vierköpfige Band viel herum gekommen und kann die dabei gesammelten Ideen nun in einem ausgereiften Konzept präsentieren: Mit Cut & Stitch erscheint diesen Freitag das zweite Album der Petrol Girls.

Cut & Stitch – ein Prozess des Kreierens, bei dem Einzelteile zusammengefügt, aber auch immer wieder getrennt und neu arrangiert werden können. Die Kontinuität dieses kreativen Prozesses stellt dabei das Fundament des Albums dar: „Making change is a constant, collective process that never stops“, sagt Sängerin Ren Aldridge. Es wird klar: Die Petrol Girls machen nicht einfach nur Musik, immer steckt auch eine klare politische Haltung oder zumindest eine gesellschaftsrelevante Botschaft dahinter: making change!

So sollen beispielsweise marginalisierte Menschen nicht länger zum Schweigen gebracht werden und stattdessen ihre Stimmen erheben: „I’m raising my voice louder / It carries me beyond their walls“, heißt es in dem vorab als Single veröffentlichten Big Mouth. In dieser wird auch eine der wohl kultigsten Kampfansagen der britischen Punkszene wieder aufgegriffen: Poly Styrene, Sängerin und Songwriterin bei X-Ray Spex, machte bereits 1977 deutlich, wo Aussagen hingehören, die Frauen den Mund verbieten: „Some people think a girl should be seen and not heard… but I think… Up yours!!“. Über 40 Jahre später hallen diese Worte nun wieder nach.

Die 15 Titel auf Cut & Stitch gehen, auch mithilfe von drei Interludes, mühelos ineinander über. Sie verbinden sich zu einer Art Patchwork, welches im Artwork auf dem Cover der Platte widergespiegelt wird. Der rote Faden, der alles zusammenhält, ist nach wie vor die Mischung aus Wut und Verletzlichkeit, welche die Musik der Petrol Girls von Anfang an ausgezeichnet hat. Scheint das ruhige Spoken-Word Intro die Hörenden zu Beginn des Albums noch in Sicherheit zu wiegen, haut einem das darauffolgende The Sound einen eindringlichen Spannungsaufbau und eine Wucht um die Ohren, die man so nicht erwartet hätte. Sowohl politische als auch persönliche Themen werden kreativ umgesetzt – einerseits in ruhigen Tönen wie im melancholischen Skye, andererseits mit wehender Fahne und blinkender Sirene bei Weather Warning. ,,Sometimes being vulnerable is just as radical as being angry – it certainly scares me a lot more”, schreibt Aldridge in ihrer Albumintroduktion.

Cut & Stitch wird alles andere als schnell langweilig. Neben Ren treten auf dem neuen Album auch vermehrt die anderen Bandmitglieder als Hauptvokalist*innen auf und machen sich hervorragend. Feminismus wird nicht nur aus weiblicher Sicht, sondern auch hinsichtlich seiner Bedeutung für Männer verhandelt. So erkundet Talk In Tongues beispielsweise die Perspektive eines Mannes, der damit kämpft seine Gefühle angemessen auszudrücken. Zum Schluss hält Naive noch einen großen Mittelfinger für alle bereit, die es sich angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme in ihrem Zynismus gemütlich gemacht und kapituliert haben: „I’d rather be naive and learn to fall with grace / I choose to fight / We’re not finished / We never fucking will be.“ Cut & Stitch ist wohl die bisher experimentellste Veröffentlichung der Petrol Girls und hält eine bunte Palette an verschiedenen Sounds, Themen und Gefühlen bereit. Trotz Experimenten bleibt allen Songs zumindest eine Sache gemein: Die Intensität, die beim Hörenden zuverlässig Gänsehaut hinterlässt.

Cut&Stitch

Label: Hassle Records / Rough Trade
VÖ: 24.05.2019

Genre: Punk, Hardcore

Vergleichbar:
War on Women – Capture The Flag
Dream Nails – Double A Side

Wertung:
12/15

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Lisa Rölle

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