Review: Petrol Girls – Baby

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Auch ohne übergeordnetes Konzept bleiben Petrol Girls die wichtigste feministische Band da draußen.

Nach dem von Wut angetriebenen Debütalbum Talk Of Violence (2016) hatte sich Petrol-Girls-Frontfrau Ren Aldridge auf dem zweiten Album Cut & Stitch (2019) aus einer persönlichen Perspektive mit Feminismus als Philosophie beschäftigt. Auf Baby scheinen sich die Petrol Girls nun bewusst zu sein, dass die gesellschaftliche Revolution, die sie sich wünschen, nicht von ihnen angezettelt werden kann. Aldridge räumt sogar ein, dass sie in der Vergangenheit zu belehrend agiert habe. Der von manchen linken Gemeinschaften ausgehende Zwang, perfekt auftreten und handeln zu müssen, habe ihre psychische Gesundheit extrem beeinträchtigt. Aldridge beschäftigt sich in ihren Texten natürlich weiterhin mit gesellschaftlich relevanten Themen, hat dieses Mal jedoch einen mitunter humorvollen Ansatz gewählt. Nachzuhören etwa in der Single Baby, I Had An Abortion: „Oh it’s a god damn moral panic/ Save the sperm because it’s sacred/ Blessed is the foetus/ But god damn the children in existence“. Darin gelingt ihr das Kunststück, sowohl mit einem Augenzwinkern als auch mit genug Ernsthaftigkeit an das Thema heranzutreten und gleichzeitig eine von Wut angetriebene Hymne gegen die Anti-Abtreibungsbewegung zu verfassen sowie ihre eigene Abtreibung zu feiern. Das diabolische Lachen am Ende kann also auf beides bezogen werden.

Aldridges spielerischer Ansatz ist jedoch nur in Nuancen herauszuhören, insgesamt haben sich Petrol Girls allesamt ihre Ernsthaftigkeit bewahrt. Das am Frauenkampftag erschienene und von Aktivistin Janey Starling mitgeschriebene Fight For Our Lives setzt sich etwa mit Femiziden auseinander und besitzt in seinem mehrstimmigen Refrain Gänsehaut-Potenzial, wenn Aldridge mit tatkräftiger Unterstützung zum Kampf um die eigenen Leben aufruft. Violent By Design thematisiert hingegen Polizeigewalt. Der von Aldridge kindlich gesungene Refrain inszeniert die Polizei sarkastisch als Freund und Helfer, bevor im weiteren Verlauf des Songs die Demaskierung erfolgt. Nachdem Cut & Stitch noch mit den Worten „We’re not finished/ We never fucking will be“ geendet hatte, räumen Petrol Girls auf Baby in Sick & Tired offenkundig ein, auch mal müde im Kampf gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu werden. War Cut & Stitch durch seinen starken Albumfluss aufgefallen, wirkt Baby aufgrund seiner thematischen Vielfalt und der damit verbundenen emotionalen Achterbahnfahrt chaotischer.

Das liegt auch am Sound der Platte, der deutlich mehr Raum für Groove und polternden Post-Punk lässt. Verabschiedet haben sich auch die Interludes von Cut & Stitch, stattdessen legt Ren Aldridge ihren Spoken-Word-Vortrag über punkige Instrumentals, wechselt aber noch immer regelmäßig in Hardcore-Geschrei. Der Gitarrensound im Refrain von Baby, I Had An Abortion ist geradezu elektrifizierend und erinnert stark an Refused, während Fight For Our Lives nach einem sirenenartigen Intro HipHop-Instrumentals auffährt, die an Idles erinnern. Vor allem aber klingt Baby durch und durch nach den Petrol Girls, die sich erneut neue Sounds entlocken, abermals einen unterschiedlichen lyrischen Ansatz gewählt haben, aber gleichzeitig weiterhin mindestens ähnlich wichtige gesellschaftliche Kämpfe wie auf ihren ersten beiden Alben austragen.

Petrol Girls Baby Albumcover

Label: Hassle/Cargo
VÖ: 24.06.2022

Genre: Post-Hardcore, Post-Punk, Punk

Vergleichbar:
War On Women – Wonderful Hell
Idles – Crawler

Wertung:
11/15

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Jonathan Schütz

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