Review: Pascow – Jade

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Was macht man nach einem Album wie „Diene der Party“, das textlich wie musikalisch den persönlichen Höhepunkt markierte und dem deutschsprachigen Punkrock neue Hits schenkte? Nach knapp fünf Jahren Warten liefert „Jade“ die Antwort.

Nicht nur ihre Anhänger und Musikjournalisten, auch Pascow selbst umtrieb die Frage, wie beziehungsweise ob es weiter gehen soll. Die 2017 erschienene Band/Tour-Dokumentation „Lost Heimweh“ beschäftigte sich neben der eigenen Geschichte und der autonomen Club-Szene in Deutschland, auch mit einem möglichen Ende der Band. Entwarnung folgte am 28. September 2018:  Eine neue, von Kurt Ebelhäuser produzierte, Platte sei fertig, auf der sie sich laut eigenen Angaben von „kryptischer Scheisse“ und Codierung verabschieden wollen. Sie haben Recht behalten.

Auf ihrem sechsten Album entknoten sie das dicht gestrickte Netz aus Metaphern, Wortspielen und eingestreuten Zitaten, welches sie auf ihren bisherigen Platten um die Botschaften ihrer Songs webten, und formulieren sie so direkt und unmittelbar wie noch nie. Richtete Sänger Alex Pascow auf „Diene der Party“ den Blick durch die Hornbrille vermehrt auf die damalige Gegenwart und Begleiterscheinungen wie die Einwanderungs- und Asylpolitik sowie steigenden Rechtspopulismus, rückt er auf „Jade“ die Vergangenheit in den Fokus. Die Texte von Songs wie „Silberblick & Scherenhände“, „Marie“ oder „Ein Sturm der durch Erlen zieht“ wirken wie Tagebucheinträge, raus gerissen aus dem Tagebuch eines Teenagers, und viel zu treffend und präzise, um dort zu vergilben. Mithilfe von Anglizismen und Querverweisen auf musikalische Helden werden kleine Geschichten erzählt, von der Punk-Jugend, Liebe und dem Ausbrechen aus der Kleinstadt-Idylle. In „Schmutzigrot“ darf – Tagebuch untypisch – die Verflossene Aussagen richtigstellen und ergänzen. Dabei fallen massenweise Zeilen an, die auf T-Shirts, auf die Haut oder an Wände gehören.

Abseits vom Wühlen im Vergangenen existiert aber immer noch eine Realität, in der Rechtspopulisten mit fremdenfeindlichen Parolen um sich schmeißen und „Nestlé waren mies/ Und sie sind es noch immer“ weiterhin gilt. Das wissen auch Pascow. „Heute Jäger, morgen Taucher (Erwachen II)“ ist die Fortsetzung vom „Diene der Party“-Track „Zeit des Erwachens“ und legt den Hetzern ein Szenario ins Kopfkino, das ihnen nicht gefallen wird: „Wenn sie euch jetzt aus den Fluten ziehen/ Weil ihr es nun seid, die was braucht/ Dann wird der laute Stolz von gestern/ Zu fieser Angst, die nur leise leise rauscht.“

„Kriegerin“ erzählt in packender Art und Weise von Geschäften mit Trinkwasser, wie fruchtbarer Boden zu Sand wird und der Reichtum der Einen mit dem Überlebenskampf der Anderen zusammenhängt. Es geht aber auch darum, Widerstand als Instrument zu nutzen, um Wut zu kanalisieren. Dazu pumpt der Bass, die typischen Pascow-Riffs drängeln, angetrieben vom Schlagzeug, nach vorne und machen den Weg frei für die eindringliche Wachoffiziersstimme von Alex Pascow, der er auf „Jade“ anstatt seines typischen Bellen oftmals Gesangsmelodien entlockt. Das ist nur eine von vielen kleinen Neuerungen, die das Quartett so klug in ihren Sound einbaut, dass sie stellenweise anders, aber immer unverkennbar nach sich selbst klingen.

Auf vier der zwölf Songs, das Klavier-Intro „Prolog“ und das ohne Gesang auskommende „Die Backenzähne des Teufels“ mitgerechnet, ist Frauengesang zu hören, „Marie“ wird von einem schunkelnden Polka-Rhythmus angetrieben und mit der emotionalen Abschlussballade „Wunderkind“ beweisen Pascow, dass sie auch Gänsehaut können. Die von Klavierklängen getragene Außenseiter-Hymne beendet ein Album, das mitreißt, wachrüttelt, berührt, Mut macht und der Stagnation wie Resignation fröhlich den Mittelfinger ins Gesicht streckt.

5684@400

Label: Rookie
VÖ: 25.01.2019

Genre: Deutschpunk, Punkrock

Vergleichbar:
Turbostaat – Abalonia
Love A – Nichts ist neu

Wertung:
13/15

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