Review: Mine – Klebstoff

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Dass Mine nicht der Norm der deutschen Popmusik zugehörig ist, hat sich in den letzten Jahren bereits mit zwei starken Soloalben und einer Kollaboration mit Rapper Fatoni gezeigt. Auf Klebstoff passt die Songwriterin erneut ihre Musik an den Zahn der Zeit an und überholt hierbei problemlos die, die sich im Mainstream innovativ schimpfen.

Drei Jahre sind vergangen, seitdem Das Ziel ist im Weg das Tageslicht erblicken durfte. Seitdem hat sich bei und um Mine (Jasmin Stocker) viel getan: Den Traum eines bombastischen Orchesterauftritts verwirklicht, endlos getourt und neue Songs aufgenommen steht auf dem neuen Album vor Allem eins im Vordergrund: Reimagination und Hinterfragung des Selbst. Ersterer Punkt äußert sich in dem teils zugänglicherem Songwriting, sowie moderneren Sounds mit starkem Einbezug aktuell populärer Stilmittel. So finden sich ironisch verwendetes Autotune (Spiegelbild), filigrane Beats als auch eine beeindruckende Menge gelungener Features auf der Platte. Guter Gegner stellt musikalisch so etwas wie den Spannungsaufbau vor dem großen Showdown dar, den sich die Sängerin mit Grossstadtgeflüster liefert. Wer jedoch meint, Mine würde damit von ihren eigenen kreativen Fähigkeiten ablenken wollen, liegt falsch. Im Vergleich zu anderen Künstlern definiert sich Mine durch unglaublich starkes Songwritingtalent, bei dem orchestrale Arrangements in gleichem Maße zur Exzellenz durchkomponiert und überlegt werden, wie die Beats und textliche Thematik.

Auch die Instrumentation ist wie auf den Vorgängerwerken wieder ein Alleinstellungsmerkmal des Hörgenusses. Der Refrain in Schwer bekömmlich beispielsweise versprüht Dido Vibes, während melodische Gitarrenleads und Holzblöcke den Mix dominieren. Die Kombination aus analoger Elektronik und facettenreichen “Band” Instrumenten verleiht Mines Musik einen hohen Stellenwert an Greifbarkeit und Tiefgang. Auch die Folklore zeigt ihr Gesicht im wunderschönen, doch zugleich verzweifelten Underdog der Platte, Du kommst nicht vorbei, welcher von einem prägnanten Cornamuse-Lead getragen wird. Wenn man das so liest, mag es vielleicht merkwürdig klingen, welche Klänge hier miteinander gepaart werden, doch irgendwie funktionieren die wirren Instrumentkombinationen durchweg auf der CD. Die Produktion selbst ist durchsichtig und nicht von Tausenden von Effekten durchtränkt, Stockers Gesang klingt dynamisch und sitzt angenehm im Mix zwischen den experimentellen Instrumentaltracks.

Mehr noch als auf den vorherigen Werken von Mine finden sich auf diesem Album eingängige Refrains (90 Grad, Klebstoff ), die sich zwischen Melancholie und unterhaltsamer Selbtreflexion aufhalten. Ist Klebstoff dadurch ein einfach zu verstehendes Produkt, das für den Einwegkonsum bestimmt ist? Auf gar keinen Fall! Wenn es eines ist, dann ein Manifest für Mines Fähigkeit, musikalische Komplexität gekonnt in für das Ohr bekannte Strukturen zu verpacken. Wer sich dennoch lieber Mark Forster gönnen möchte, kann das gerne tun, aber merkt euch: Während der Dümpelpop seinen kreativen Zenit meist schon mit einer in wenigen Jahren irrelevanten Chartplatzierung erreicht, ist Mine allen schon einen Schritt voraus.

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Label: Caroline International
VÖ: 12.04.2019

Genre: Pop, Alternative

Für Fans von:
Mine & Fatoni – Alle Liebe nachträglich
Edgar Wasser – Tourette-Syndrom EP

Wertung:
13/15

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Alex Loeb

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