Review: Jamie Lenman – King of Clubs (Mini-Album)

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Es gibt wenige Künstler, die sich zu wirklich jeder Tageszeit adrett kleiden. Für einen kreativen Herren aus England gehört das seit seinem Solo-Debütalbum, und womöglich länger, fest zum Alltag. Weniger zugänglich geht es für Jamie Lenman musikalisch zu. Der Songwriter veröffentlicht mit King of Clubs ein Mini-Album, was so politisch und bissig ist wie bisher nichts in seinem Repertoire.

Der Ex-Reuben Frontmann schaltet auf diesem nur knapp 24-minütigen Opus die stark Überhand nehmenden Synthesizer der Vorgängeralben weitestgehend aus. Stattdessen gilt frontale Attacke, sowohl in der textlichen als auch musikalischen Überlieferung. Mit dem Protestaufruf THE FUTURE IS DEAD stürzt sich alles in spürbaren Nihilismus über die Zukunft unserer Welt, unterstützt von äußerst verzerrten Gitarren und einem fast Body Count-artigen Sirenen Breakdown. In diesem Sinne gibt es auch einen fulminanten Gastpart von Pengshui Rapper Illaman.

In der Tat klang Lenman bis auf seine Thrash Exkursionen auf Muscle Memory (2013) noch nie so brachial und direkt. Erneut produziert von Space, der schon für Black Futures und IDLES hinter den Reglern saß, ist der technisch gesehen minimalistische Sound der Platte dieses Mal aber befreiter und mitreißender als zuvor auf Devolver. Die absolute Pogohymne I DON’T WANNA BE YOUR FRIEND stellt PEOPLE von 1975 mit einem Schulterzucken in den Schatten. Hier werden Trolls, empathielose Menschen, betrunkene Arschlöcher und Heuchler rhetorisch gleichermaßen mit der Schrotflinte abgeknallt, was sich in extrem explosivem Drumming manifestiert.

Auf der Platte wird er unterstützt von technisch versiertem Drumming seitens Jack Wrench, der zuletzt mit Arcane Roots das letzte Bandkapitel abschloss. Die Produktion der Instrumente suhlt sich beizeiten in Glitch-Effekten und schwebt in starkem Gitarrenoverdrive, und es fühlt sich für Noise-Rocker wie zu Hause an. KILL ME ist wohl der vom Industrial beeinflussteste Song, und würde auf With Teeth (Nine Inch Nails) definitiv nicht fehl am Platz wirken.

“One more rejected petition”

Textlich stellt SLEEP MISSION einen zentralen Aspekt des heutigen Diskurses jüngerer Generationen in den Vordergrund: und zwar gehört werden zu wollen mit Protesten und Petitionen. Lenman thematisiert die Hinterfragung des Rassismus und der Traditionen, die diese Narrative weiter popularisieren. Im Lichte des durch das Coronavirus in Vergessenheit geratenen Brexit-Klimas ist das Lied quasi eine Anhäufung gesellschaftlicher Probleme, mit denen sich Remain-Wähler nun konfrontiert sehen. Von Fragen über die Zukunft des Landes und bisher als natürlich angesehenen Freiheiten schliesst sich SLEEP MISSION inhaltlich an die aus 2018 stammende Single Long Gone an.

Abseits der Sirenen finden im Hause Lenman jedoch auch wenige halbwegs ruhigen Konzerte statt. LIKE ME BETTER schlägt die Brücke zwischen Alternative Rock und Grunge durch Fuzz Riffing und offene Akkorde, die zum Lieblingssortiment Lenmans gehören. Mit einem stetig groovenden Schlagzeugpart bildet das Lied zwar den Hauptruhepol der bissigen mini-LP, qualitativ aber keinesfalls einen Fehlgriff.

Der instrumentale Titelsong steht am Schluss, und stützt sich auf vielfaches Layering der Gitarrenstimmen, was letztendlich in einem Chor aus Dissonanz und Rückkopplung kulminiert. Dynamisch steigernd findet das Lied sein Ende mit einer Reprise der Hauptgitarrenstimme, die im letzten Teil schon fast positiv herausblickend klingt und mit einem verzerrten Schrei vereint wird. Im Kontext der Kritik, die Lenman hier an dem Vereinigten Königreich übt, lässt sich dementsprechend ein Lichtblick erahnen. Verglichen mit seinen vorherigen Veröffentlichungen hat der Sänger bereits erwähnt, dass ein zu langes Album dieses Härtekalibers womöglich zu viel des Guten wäre. Wenn das Songwriting jedoch so ausgefeilt ist, kann man sich über mehr in dieser Kategorie nicht beschweren.

Es wäre unfair schlichtweg zu sagen, King Of Clubs sei wesentlich besser als alle Vorwerke, da die Diskographie Jamie Lenmans nur minimale Anhaltspunkte liefert, um ihn straks als Künstler eines bestimmten Genres kategorisieren zu können. Ironischerweise kommt der Release zeitgleich mit dem neuen IDLES Album heraus, welches dem derzeitigen UK Post-Punk gleichermaßen mehr frischen Wind gibt.
Tief im Herzen hat Lenman schon seit jeher gewusst, dass Rock für immer zu ihm gehören wird. Und wenn es auch nicht reichen sollte, mit dieser Veröffentlichung nun König seines aggressiven musikalischen Potenzials geworden zu sein, hat er bestimmt ein sogar noch besseres Ass im Ärmel.

jamielenman_kingofclubs_albumartwork

Label: Big Scary Monsters
VÖ: 25.09.2020

Genre: Alternative Rock, Noiserock, Post-Punk

Vergleichbar:
IDLES – Ultra Mono
Body Count – Bloodlust

Wertung:
14/15

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Alex Loeb

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