Review: Idles – Ultra Mono

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Wer dachte, Idles hätten mit Joy As An Act Of Resistance 2018 ihr absolutes Opus Magnum veröffentlicht, der hat sich geirrt: Auf dem Nachfolger Ultra Mono legen die britischen Noisepunk-Durchstarter nochmal eine Schippe Angriffslust oben drauf – und spendieren der Arbeiterklasse, Black Lives Matter sowie feministischen Gruppierungen gleichermaßen kantige Punk-Hymnen.

Es ist Ende August 2018, als das Quintett aus Bristol, England nur 17 Monate nach dem tollen Debütalbum Brutalism sein zweites Album veröffentlicht. Joy As An Act Of Resistance ist unverkennbar ein Kind seiner Zeit. Als das Album erscheint, steckt das Vereinigte Königreich noch mitten im Brexit-Chaos und bis zum endgültigen Austritt aus der EU werden noch fast anderthalb Jahre vergehen. Auf den britischen Inseln und insbesondere in der Musikszene macht sich Widerstrand breit, der sich auch in der ungemein großen Anzahl neuer britischer als auch irischer Post-Punk-Bands manifestiert. Idles stellen sich dabei schnell als Rudelführer neben Bands wie Fontaines D.C., The Murder Capital, Shame, Crows oder Heavy Lungs heraus. Innerhalb kürzester Zeit formiert sich eine Community, die den Titel des Durchbruchsalbum als Mantra betrachtet und für mehr Offenheit, Mental-Health-Awareness und Solidarität plädiert. Als Höhepunkte ihres rasanten Erfolges treten Idles 2019 vor Zehntausenden auf dem legendären Glastonbury Festival auf und verkaufen alle 10.000 Tickets für ein Konzert im Londoner Alexandra Palace innerhalb von 24 Stunden. Kurzum: Idles haben Punk mit Haltung wieder salonfähig gemacht.

Zwei Jahre nach Erscheinen von Joy As An Act Of Resistance veröffentlicht die Band nun ihr drittes Album Ultra Mono während einer weltweiten Pandemie. Für eine Band wie Idles, die zuvor unermüdlich getourt ist, kein leichtes Unterfangen. Dank einer ausgeklügelten Marketing-Kampagne mit Single-Veröffentlichungen im Vier-Wochen-Rhythmus sowie drei „Lock-In“-Konzerten in den legendären Abbey Road Studios Ende August haben Idles gute Chancen, den fünften Platz der britischen Albumcharts, den Joy As An Act Of Resistance vor zwei Jahren sensationell erklommen konnte, noch zu toppen. Der Hunger nach neuem Material von Idles scheint zudem so groß wie nie zu sein: Trotz einer ungewissen Zukunft bezüglich Live-Konzerten ohne Abstand hat die Band in Windeseile zehntausende Tickets für Konzerte im nächsten Jahr in Großbritannien und Irland verkauft.

Idles waren und sind also die Band der Stunde und werden es dank Ultra Mono auch zu 99,9% bleiben. Wie auch schon Joy As An Act Of Resistance besteht das Album aus zwölf Songs, ist dramaturgisch jedoch anders gelagert. Wo sich 2018 Colossus zu Beginn langsam aufgebaut hat, prescht War direkt los und dürfte bei zukünftigen Konzerten zu einem Highlight werden. Zum aggressiven Noisepunk greift Frontmann Joe Talbot in unverkennbarer Art und Weise die Motive zahlreicher Antikriegsbewegungen auf: „Whaching! That’s the sound of the sword going in/ Clack clack clack a clang clang! That’s the sound of the gun going bang bang/ Tuka tuk tuk tuk tun tuka! That’s the sound of the drone button pusher/ Shhh shh shhh shh shhh! That’s the sound of the children tooker“. Das folgende Grounds ist mit seinem unruhigen Puls dagegen eindeutig vom HipHop beeinflusst und führt mit einem verschrobenen Saxophon ein Stilmittel ein, das im Laufe des Albums noch öfter auftaucht.

Stilistisch sticht auch Kill Them With Kindness heraus, dessen Klavierintro Sänger und Pianist Jamie Cullum beigesteuert hat. Die titelgebende Zeile von Ne Touche Pas Moi – Französisch für „Don’t Touch Me“ – raunt dagegen Jehnny Beth der Londoner Post-Punk-Kolleginnen Savages ins Mikro. Der Song ist mit einer Länge von zweieinhalb Minuten der kürzeste Song des Albums, enthält jedoch die dringlichste Botschaft: „This is sawn off/ For the cat callers/ This is a pistol/ For the wolf whistle/ Cause your body is your body and it belongs to nobody but you“. Neben dem Unmut gegen aufdringliche bis belästigende Männer wettert Talbot im folgenden Carcinogenic gegen die soziale Ungerechtigkeit, die Menschen aus der Arbeiterklasse Tag für Tag erfahren. In die gleiche Kerbe schlägt auch Reigns, dessen infektiöser Rhythmus in einem rabiaten Refrain mündet, in dem sich die ganze Abneigung gegen die gesellschaftliche Vormachtstellung von Menschen aufgrund ihrer familiären Herkunft entlädt.

Doch Idles können auch anders: Anxiety wirbt für das Bewusstsein für psychische Gesundheit und Mr. Motivator liefert den Antrieb, der vielen Menschen im Laufe der Zeit abhanden kommt, um sein/ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Und dann wäre da noch die von flächiger Gitarrenarbeit getragene Ballade A Hymn, in der Joe Talbot davon singt, geliebt werden zu wollen, bevor Danke Ultra Mono so rüde beschließt, wie es War eröffnet hat. Ultra Mono verteilt beim ersten Durchlauf ordentlich Kinnhaken, wird aber mit jedem Weiterem immer vertrauter – das Albumcover besitzt also symbolischen Charakter. Im Vergleich zu Joy As An Act Of Resistance zeigt Ultra Mono Idles noch bissiger und noch klarer in ihrer musikalischen Vision. Welches Album am Ende das bessere ist, wird die Zeit zeigen.

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Label: Partisan Records
VÖ: 25.09.2020

Genre: Punkrock, Noiserock, Post-Punk

Vergleichbar:
Protomartyr – Ultimate Success Today
Viagra Boys – Street Worms

Wertung:
14/15

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Jonathan Schütz

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