Review: Faber – I fucking love my life

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Julian Pollina alias Faber besitzt für einen Mittzwanziger eine ähnlich überraschende raue und tiefe Stimme wie AnnenMayKantereit-Frontmann Henning May. Im Gegensatz zu seinem Kölner Freund verarbeitet er mit dieser keine persönlichen Erfahrungen aus seinem Leben, sondern versetzt sich in seinen Texten in verschiedene Rollen, um spezielle Klientel anzuprangern.

So auch in der Ende Juli veröffentlichten Single Das Boot ist voll, in der der Schweizer Musiker mit erhobenem Finger auf das „besorgte Bürgertum“ zeigt und die allgemeingegenwärtige Ignoranz kritisiert. Mit Zeilen wie „Geh auf die Knie, wenn ich dir mein‘ Schwanz zeig/ Nimm ihn in den Volksmund, blond, blöd, blau und rein/ Besorgter Bürger, ja, ich besorg‘s dir auch gleich“ ist Faber zudem lyrisch so drastisch wie vielleicht noch nie geworden. So drastisch, dass er diese Version wenige Tage später von seinem Youtube-Kanal und allen gängigen Streaming-Plattformen entfernen lässt und eine neue Version veröffentlicht. Anstelle der zitierten Textstelle heißt es in dieser nun „Wenn sich 2019 ’33 wieder einschleicht/ Wenn Menschlichkeit und Verstand deiner Wut weicht/ Besorgter Bürger, ja, ich besorg‘s dir auch gleich“, was ohne die vorherige Drastik die gleiche gewollte Wirkung entfaltet.

Auf seinem 2017 veröffentlichten Debütalbum Sei ein Faber im Wind zeigte sich Faber als schlauer Songschreiber mit Hang zum Skandalösen, eingebettet in „altmodische“ Arrangements der Goran Koč y Vocalist Orkestar Band inklusive Posaune und Piano. Das hat sich auch für das zweite Album I fucking love my life nicht geändert, auch wenn Faber jetzt Streicher fast gleichwertig neben die Bläser packt. Eröffneten 2017 noch Bläser die Ouverture und somit das Album, sind es zwei Jahre später düstere Streicher. Neu ist zudem der Einsatz von Synthesizern in den Songs Das Leben sei nur eine Zahl und Komm her, zweitgenannter Song endet sogar in einem mehrminütigen Saxophon-Solo. All das erweitert die bekannte Faber-Formel sinnvoll, denn tanzen kann man zu den aneckenden Texten auch weiterhin. Zum Beispiel im ebenfalls vorab veröffentlichten Top, dessen Text smart um das Wort „Top“ herum gebaut ist und in der Bridge Platz für genug Ernsthaftigkeit lässt: „Bin ich so, weil sich meine Eltern streiten?/ Hab‘ ich Schiss mich in ‘nen Mann zu verlieben?/ Schlag‘ ich deshalb meine Freundin?/ Doch all dies könnte mir nie schaden/ Denn all dies würde ich mich nie fragen“. Dass man dabei an Stereotypen der deutschen HipHop-Landschaft denken muss, sei laut Faber gewollt.

Jung und dumm richtet sich wiederum gegen Menschen, die sich mit ihrer jahrzehntelangen Lebenserfahrung brüsten und über die Jugend und junge Erwachsene herziehen. Nicht nur hier nimmt Faber Bezug auf frühere Texte, das komplett aus der Sicht eines weiblichen und sexuell belästigenden Fans geschriebene Vivaldi nimmt Bezug auf Fabers Künstlernamen und den Text von Wem du’s heute kannst besorgen und enthält Faber-eske Lyrics wie „Ich hab auf’s falsche Ross gesetzt wenn ich heut‘ Nacht noch reiten will“. I fucking love my life ergänzt den bislang bekannten Stil Fabers insgesamt also mehr als passend und vor allem lyrisch lässt sich ungemein viel entdecken und diskutieren. Etwas Besseres kann deutscher Musik in der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Lage eigentlich kaum passieren.

Faber_I_fucking_love_my_life

Label: Irrsinn
VÖ: 01.11.2019

Genre: Singer/Songwriter, Indiepop

Vergleichbar:
AnnenMayKantereit – Schlagschatten
Bonaparte – Was Mir Passiert

Wertung:
12/15

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Jonathan Schütz

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