Review: Cold Reading – ZYT

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Cold Reading kann man durchaus als ambitionierte Band bezeichnen, denn nur die wenigsten Bands würden mit ihrem zweiten Album ein fast einstündiges Konzeptalbum veröffentlichen, das diesen Anspruch über die Musik hinaus verfolgt.

Einen ersten Namen machte sich das Quintett 2016 mit seinem Debütalbum Fractures & Fragments, das mit einer Lauflänge von 38 Minuten nach dem Erscheinen von ZYT eindeutig in dessen Schatten steht. Als vergangenen April mit Through The Woods Pt.1 der erste Vorbote der Platte erscheint, prahlen die deutschsprachigen Schweizer bereits mit ihrer Veröffentlichungsstrategie: ZYT ist auf die drei EPs Past PerfectPresent Tense und Future Continuous aufgeteilt, die allesamt nach Songs des jeweiligen Albumabschnitts benannt sind und im Abstand weniger Monate vor Erscheinen der Platte veröffentlicht werden. Das abschließende Future Continuous ist vergangenen Freitag erschienen, somit gab es ZYT bereits eine Woche vor der „richtigen“ Veröffentlichung auf allen gängigen Streaming-Plattformen zu hören.

Auch musikalisch unterscheiden sich die drei Abschnitte voneinander: Während das erste Drittel an den Emo-Sound rund um die Jahrtausendwende erinnert und sich vor allem als gelungener Alternative-Rock-Auswuchs entpuppt, flechten sich mit Fortschreiten des Albums immer mehr Synthesizer und atmosphärische Klangteppiche in den Sound ein. Das sechsminütige Escape Plan Blueprint / New Domain schließt Past Perfect ab und die Post-Rock-Schlagseite der folgenden Segmente wird bereits hier gen Ende angedeutet. Insbesondere der zweite Teil und vor allem der gleichnamige Song Present Tense erinnert mit seinem bedachten Tippel-Sound an die ersten beiden Hälften des Thrice-Konzeptwerks The Alchemy Index. Meisterhaft zeigt sich zudem A Quiet Thought, in dem nacheinander alle Instrumenten-Spuren aufeinander geschichtet werden. Zusammengehalten wird das Album von insgesamt drei Songs mit dem Titel Through The Woods, die im Laufe des Albums eine fiktive zusammenhängende Geschichte eines Außenseiters erzählen.

Das finale – und ruhigste – Drittel beginnt mit dem instrumentalen Oh Sweet Hereafter. Bis zum finalen Through The Woods Pt.3 haben sich die elektronischen Elemente so gut eingenistet, dass der Closer von einem ruhigen elektronischen Beat geschultert wird, bis Trompeten und Glockenspiel den knapp siebenminütigen Schlussakt ins gemäßigte Finish tragen. Thematisch dreht sich das Album um nichts Geringeres als die Verbindungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – pro EP ein Thema. Hört man sich das Album zudem auf Vinyl an, erwartet einen auf der vierten Seite der Doppel-Vinyl eine rund zehnminütige Kurzgeschichte mit dem Titel Through The Woods, vertont von Cold Reading selbst. Und als wäre das noch nicht genug, erzählt das Cover mit seinen verschiedenen Symbolen eine weitere, eigene Geschichte. Das musikgewordene Schweizer Uhrwerk.

Cold Reading - ZYT - Cover - 1500

Label: Krod Records
VÖ: 31.01.2020

Genre: Alternative Rock, Post-Rock

Vergleichbar:
Thrice – The Alchemy Index, Vols. 1&2: Fire & Water
Blackout Problems - Kaos

Wertung:
11/15

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Jonathan Schütz

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