Pabst im Interview zum zweiten Album “Deuce Ex Machina“, die Arbeit mit Moses Schneider und gesellschaftliche Missstände

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Das Berliner Trio Pabst sorgte 2018 mit seinem Debütalbum Chlorine und einem grungigen Sound für Aufsehen in der deutschen Alternative-Szene. Nach mehreren Touren mit hiesigen als auch internationalen Größen folgt nun das zweite Album Deuce Ex Machina, das zwar weiterhin den Sound der 90er Jahre fährt, aber dennoch heutige Missstände aufzeigt.

Als wir Pabst zum digitalen Interview treffen, herrscht in den sozialen Medien, vorzugsweise Instagram, Stille. Es ist der 02. Juni 2020 und Bands, Künstler*innen, Influencer*innen, Labels und Bürger*innen protestieren in Form eines schwarzen Quadrates unter den Hashtags #BlackoutTuesday und #TheShowMustBePaused gegen Rassismus und Polizeigewalt, ausgelöst durch den brutalen und im Internet dokumentierten Mord am Afroamerikaner George Floyd durch einen weißen US-Polizisten. Initiiert worden ist der digitale Protest von den Musikmanagerinnen Brianna Agyemang und Jamila Thomas, auch Pabst beteiligen sich selbstverständlich an der Aktion, obwohl sie an dem Tag eigentlich das Musikvideo zur bereits vierten Single My Apocalypse zu bewerben hätten. Überlegungen, anstehende Interviews zu verschieben, gab es allerdings nicht, wie Gitarrist und Sänger Erik Heise klarstellt: „Wir müssen heute ja nicht unser neues Video promoten. Aber klar ist auch, dass Reden immer am Wichtigsten ist.“
Eine ausdrücklich politische Band ist das Berliner Trio zwar nicht, vor politischen Statements schrecken Pabst aber auch nicht zurück, wie ihr Auftritt auf dem für Weltoffenheit und Demokratie werbenden Wir bleiben mehr-Festival im Juli 2019 in Chemnitz und das Verkaufen eines „Punch a Nazi!“-Bandshirts verdeutlichen. Zu den aktuellen Protesten äußert sich Heise dagegen eher vorsichtig: „Ich weiß nicht ob wir dazu großartig eine Meinung haben können oder ob wir da erstmal zuhören sollten. Wir stehen natürlich auf der Seite der Black Lives Matter-Bewegung, aber ohne, dass man da komplett drin ist, lässt sich da kaum was zu sagen, außer, dass es komplett Gaga ist, was in den USA so passiert.“
Als Band im Jahr 2020 sind Pabst von den Einschränkungen des öffentlichen Lebens durch das Coronavirus dagegen so stark betroffen wie jede andere Person aus der Kulturbranche auch. Heise findet sogar Parallelen zwischen dem Virus und dem Aufbegehren gegen strukturellen Rassismus: „Ich glaube, bei beiden Themen ist es wichtig, sich nicht zu schnell auf eine Einstellung festzulegen, an der dann nicht mehr gerüttelt werden kann. Man sollte da offenbleiben. Es gibt ja auch immer wieder neue Erkenntnisse und die Leute können sich auch mal irren. Ein Freund von mir hat zum Beispiel fünf- bis sechsmal fundamental seine Einstellung zu Corona geändert. Auch heute am Blackout Tuesday hat man gemerkt, dass man oft nicht weiß, wie man helfen kann, obwohl man gerne würde. Geduld und Offenheit sind dann zwei essentielle Dinge. Die Grundeinstellung bei beiden Themen ist meiner Meinung nach: glaub den Leuten, die davon Ahnung haben, mehr als dir selbst.“

Diese Einstellung schlägt sich für Pabst auch während den Arbeiten am Nachfolger des 2018 veröffentlichten Debütalbums Chlorine nieder. Die Band gründet zwar das eigene Label Ketchup Tracks, in Absprache mit dem Vertrieb The Orchard werden die ursprünglichen Veröffentlichungspläne aber etwas angepasst. „Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, einfach sieben Songs über ein Jahr verteilt als Singles zu veröffentlichen, ohne zu sagen, dass es ein Album wird“, erzählt Heise. „Mit den Leuten, mit denen wir zusammenarbeiten, haben wir uns schließlich darauf geeinigt, dass es fünf Singles werden. Das war dann ein Kompromiss zwischen unseren Vorstellungen und den Erfahrungswerten anderer Leute. Unser Vertrieb hat uns zum Beispiel gesagt, dass wir einige Sachen so nicht machen können, wenn wir nicht irgendwann das Album ankündigen. Wir lassen uns also nicht jede Entscheidung abnehmen, hören aber auch auf die Leute, die mehr Erfahrungen haben als wir. Das ist eh immer empfehlenswert.“
Passenderweise konnten Pabst als Produzenten für ihr zweites Album niemand geringeren als Moses Schneider gewinnen. Der Berliner ist nicht nur der Stammproduzent von Bands wie den Beatsteaks, Tocotronic oder Turbostaat, sondern auch dafür bekannt, stets live aufzunehmen, was Heise und seinen Mitstreitern äußerst gelegen kam, wie dieser ausführt: „Unser Debütalbum hatten wir jeweils Stück für Stück aufgenommen, sodass wir am Ende die Songs richtig zusammenpuzzeln mussten. Mit der Zeit haben wir dann festgestellt, dass sich solch ein Aufnahmeprozess eher schlecht in einen Live-Kontext übersetzen lässt, weswegen wir schon fast angefangen haben uns selbst zu covern. Manche Songs waren live auch einfach nicht mehr geil. Durch das Live-Aufnehmen hatten wir dann einfach die Sicherheit, dass das bei den neuen Songs nicht passiert. Und so aufzunehmen ist natürlich auch etwas Besonderes, so nimmt ja fast niemand mehr auf. Es geht einem schon fast gegen den Strich, wie unglaublich wenig am Ende an den Songs herumgedoktert wurde und wie sehr man das auch hört. Das ist aber auch irgendwie ganz geil, wenn man das als Gegensatz zu der ganzen blankpolierten Musik hört.“

Schneider lernt das Trio „ganz platonisch“ über gemeinsame Bekannte kennen. Eine erste Zusammenarbeit mit dem „deutschen Steve Albini“ erfolgt schließlich für eine Live-Session des Berliner Radiosenders Radio1, an dessen Anschluss Heise, Bassist Tilman Eggebrecht und Schlagzeuger Tore Knipping ihr letztes Geld zusammenkratzen, um den Produzenten für ein ganzes Album zu verpflichten. Das entsteht schließlich über die Zeitspanne von fast einem Jahr: Im Februar und März 2019 nehmen Pabst mit Schneider die Songs IbuprofenSkylineUp The HeatHell und Useless Scum auf, während der Rest des Albums im Januar 2020 eingespielt wird. Als erstes gemeinsames Tonträger-Arbeitszeugnis beider Parteien erscheint aber bereits im Mai 2019 die Chlorine-B-Seite Forever O.K., zuerst digital und dann auf einer Split-Single mit den ebenfalls in Berlin ansässigen Odd Couple. Ein Gespür dafür, welche Songs live funktionieren und welche eher nicht, bekommen Pabst zudem durch das fleißige Touren seit dem Erscheinen von Chlorine im Juli 2018. Neben eigenen Konzerten tritt das Trio auf zahlreichen Festivals und im Vorprogramm von Bob Mould, Kadavar, Drangsal und den Leoniden auf. „Da kommen die Leute nicht für dich und kennen dich auch nicht“, erinnert sich Heise. „Im Vorprogramm der Leoniden war es zum Beispiel komplett anders als bei Kadavar oder Bob Mould. Da gehen die Leute ja auch aus einem ganz anderen Grund auf das Konzert. Da haben wir schon fast die zwei Extreme mitbekommen was Konzertbesucher*innen angeht. Das macht dann auch schon einen krassen Unterschied, ob man eher vor einem jüngeren oder älteren Publikum auftritt. Unsere Band spricht ja auch eher beide Zielgruppen an, deswegen war es ganz cool zu sehen, wie die Leute so auf uns reagieren und ob die Leute auf ein Konzert gehen, um weintrinkend gute Musik zu hören, sich Pedalboards anzugucken oder um sich einfach nur zu kloppen.“
Pabst zweites Album Deuce Ex Machina eignet sich für alle drei Fälle. Der Opener Machina frönt den frühen Queens Of The Stone Age mit staubtrockenem Dessert Rock und Legal Tender schielt unverschämt poppig mit Handclaps in Richtung von The Hives, während Skyline in leicht beklemmender Manier das Losertum in der Großstadt zelebriert. Straight Line beinhaltet sogar die Leoniden-typische Kuhglocke, Up The Heat und My Apocalypse lassen das Album dagegen deutlich zurückgelehnter ausklingen. Thematisch machen Pabst ebenfalls keine Gefangenen. Obwohl vieles überspitzt und mit einem sarkastischen Unterton dargestellt wird, merkt man der Band an, dass ihnen vieles gegen den Strich geht. „Wir finden es anscheinend mega geil, dass sich das Klima erwärmt“, äußert sich Heise zur Bedeutung von Up The Heat. „Da wird so wenig dagegen getan, anders kann ich mir das gar nicht erklären. Das ist auch beim Song Straight Line der Fall. Alle wissen genau, wie beschissen alles ist, aber es interessiert niemanden wirklich und es handelt niemand, denn ‚so richtig krass betrifft es uns ja auch nicht‘. Dass in irgendeinem Land Krieg herrscht – passiert halt, was soll man dagegen machen, dann wird sich einfach die ganze Zeit davon abgelenkt. Anscheinend ist also alles voll cool. Was hat denn die globale Erderwärmung für Vorteile? Wir schmelzen zusammen und werden wieder eine Einheit.“

Wie Pabst ihr zweites Album nennen würden, stand laut der Band bereits fest, bevor ein einziger Song der Platte geschrieben worden war. Frontmann Heise bezeichnet sich selbst als „ausgemachter Wortspiel-Fan“, der, nachdem er über das Wortspiel „Deuce ex machina“ gestolpert ist, gar nicht glauben konnte, dass es dazu noch keine künstlerischen Beiträge gibt. Zurück geht der Titel auf den „Deus ex Machina“ aus der griechischen Antike, der ursprünglich das Erscheinen einer höheren Macht durch eine Bühnenmaschinerie bezeichnet. Heute wird damit eine unerwartet auftretende Person oder ein unerwartet auftretendes Geschehen, das zum Ende eines Konflikts führt, bezeichnet. Das englische Wort „deuce“ hat dagegen mehrere Bedeutungen und kann sowohl „zwei“ als auch „Teufel“ bedeuten. „Deuce Ex Machina kann also die Katastrophe sein, die einfach so passiert“, sagt Heise. „Der Deus-ex-Machina-Effekt ist ja auch etwas, was einfach so passiert. Der Deuce Ex Machina-Effekt kann also das Gleiche in schlechter sein. Die Themen auf dem Album sind alle dystopisch, apokalyptisch und eher pessimistisch angehaucht. Die Bedeutung des Titels ist also eher offen, jede*r kann sich dabei etwas Eigenes denken. Bezug nimmt der Albumtitel aber auch darauf, dass es das zweite Album ist, das ist einfach geil.“
Am Ende ist Deuce Ex Machina ein Album geworden, das aufgrund seines ungeschliffenen Sounds genauso vor 30 Jahren hätte erscheinen können, thematisch aber mit zwei Beinen im Hier und Jetzt steht. Gemäß dem Cover der Platte ist diese eine musikalische Wundertüte, die verschiedene Rock-Subgenres vereint und damit tatsächlich bei verschiedenen Altersgruppen Anklang finden könnte. Ob Pabst damit das „Rock-Revival“, was sich eher im Mainstream verortete Musikmagazine wie Diffus oder Puls von ihnen versprechen, einleiten werden, wird erst die Zeit zeigen. „Wir hatten verhältnismäßig wenig Hype um unser erstes Album“, weiß aber auch Erik Heise. „Da ist mit dem zweiten Album auf jeden Fall noch Luft nach oben.“

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Jonathan Schütz

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