Livereview: Von Wegen Lisbeth + My Ugly Clementine, Schlachthof Wiesbaden, 24.10.2022

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Mit ihrem brandneuen Album EZ Aquarii im Gepäck haben Von Wegen Lisbeth den Schlachthof in ein Tollhaus verwandelt.

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Der derzeit allgegenwärtige Zuschauerschwund bei Konzerten lässt auch die Berliner nicht kalt: nachdem das Quintett vor fast genau drei Jahren den Schlachthof auf der Tour zum zweiten Album sweetlilly93@hotmail.com gleich zweimal ausverkaufen konnte, gastieren sie dieses Mal nur einmal in einer gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Halle. Der Stimmung tut das jedoch keinen Abbruch, denn die ist bereits bei My Ugly Clementine überragend. Die noch junge Wiener Band hat sich in diesem Jahr durch Festivalauftritte wie auf dem Tempelhof Sounds einige Fans erspielt und auch heute Abend werden sie mitunter lautstark gefeiert. Etwa für ihre immer wieder eingestreuten Rockstar-Posen bei Gitarrensoli sowie ihre sich stets druckvoll aufbauenden Indierock-Songs. Mit einer balladesken Version vom 4 Non Blondes Evergreen What’s Up? streut das Quartett zudem ein gelungenes Cover ein, bevor My Ugly Clementine mit dem sich für Solidarität einsetzenden Who ihren bockstarken Auftritt beenden.

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Zwei Songs spielen Von Wegen Lisbeth, bevor Frontmann Matthias Rohde ein „ganz langes Konzert“ ankündigt. So viel vorweg: die Band wird ihr Wort halten. Vorher leitet ein mehrminütiges Intro mit flackernden Lichtern den Opener Westkreuz ein, zu dem sich bereits der erste große Moshpit formiert und lautstark mitgesungen wird, bevor sich das Publikum auch zu Auf Eis vom neuen Album EZ Aquarii textsicher zeigt. Überhaupt scheint es der Menge egal zu sein, ob die Indie-Durchstarter einen alten oder neuen Song spielen, es wird stets aus vollen Kehlen mitgesungen und fröhlich hin und her gesprungen. Von Wegen Lisbeth zeigen sich dagegen als Meister stimmungsvoller Übergänge und im Vorfeld von Opti sowie am Ende von 30 Segways, ein Ferrari in Jam-Laune. Vor L.OST (eine doppeldeutige Abkürzung von Lichterfelde Ost) adressiert Rohde den Vorwurf, alle ihre Songs wären nach einem Berliner S-Bahnhof benannt – da sei zumindest etwas dran – während Alles ok laut eines älteren Journalisten der Gala der einzige „nicht flippige“ Song der neuen Platte sei. Alles was ich gerne hätte geht dagegen „raus an alle, die sich gerne mal einen kleinen Bubatz schallern“.

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Diese humorvollen Ansagen ihres Sängers paaren Von Wegen Lisbeth mit jeweils passend eingestreuten Symbolen auf ihrer ovalen Backdrop-Projektionsfläche, die ihren Bühnenhintergrund bereits 2019 verschönert hatte. Während Wieso leuchten etwa mehrere Fragenzeichen auf, wohingegen bei Augen I ein Paar Augen erscheint. Mit Das Zimmer und Kafka Luise spielen Von Wegen Lisbeth zwei Songs ihrer 2012 erschienenen Debüt-EP Promo 2012, fünf Songs von sweetlilly93@hotmail.com und sieben von EZ Aquarii, während Grande mit satten zehn Songs vertreten ist. Aus der Retrospektive betrachtet zählt das Debütalbum zweifelsfrei zu den besten und zugleich wichtigsten deutschen Indie-Alben der 2010er-Jahre, was der heutige Abend noch einmal unterstreicht. Welche Band kann sonst mit einem so starken Song-Trio wie Wenn du tanzt, Bitch und Sushi ihren regulären Konzertteil abschließen? Und dann haben wir auch noch nicht über das mit einem Saxofon veredelte Meine Kneipe oder das mit einem Ruderboot im Publikum quittierte Drüben bei Penny gesprochen.

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Auch bei der ersten Zugabe, dem lyrischen Meisterwerk Meerschwein, greift Keyboarder Robert Tischer noch einmal zum Saxofon, bevor lautstarke Elon-Rufe erklingen. Von Wegen Lisbeth beugen sich der Forderung und geben den wahrscheinlich besten Song von EZ Aquarii zum Besten. Das Storytelling über den Tesla-Gründer Elon Musk wahrscheinlich verweigerten Eintritt ins Berliner Berghain bringt noch einmal alles auf den Punkt, was Von Wegen Lisbeth seit nun drei Alben zu einer der besten deutschen Indiebands macht, bevor die Band aus der Hauptstadt getreu dem Motto Einer-geht-noch mit Freigetränke nach 24 Songs und knapp zwei Stunden ihren Auftritt beschließt. Danach prangt in großen Buchstaben ein „Danke“ sowie ein Herz auf der Bühne.

© Fotos von Valentin Krach

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Jonathan Schütz

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