Livereview: Taubertal Festival, Rothenburg ob der Tauber, 10.-13.08.2017

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Gelegen im wunderschönen Taubertal im bayerischen Rothenburg ob der Tauber, findet seit 1996 das Taubertal Festival statt und verwandelt eine idyllische Kleinstadt in ein Rock’n’Roll-Abenteuerland.

Das diesjährige Line-Up ließ nur wenig zu wünschen übrig. Mit Billy Talent, Rise Against, Biffy Clyro und Casper als Headlinern konnte die KARO Konzert-Agentur vier heiß begehrte Acts gewinnen und so früh mit dem Ausverkauft-Schild winken. Wer beim Taubertal Festival campen möchte, hat die Wahl zwischen dem Campingplatz ,,Berg’’ und dem Campingplatz ,,Tal’’. Während im Tal vor allem Green Camping betrieben wird, dient der Berg viel mehr als Partygebiet für feierwütige Festivalgänger. Alle Berg-Camper können tagsüber mit Shuttlebussen zum Festivalgelände fahren, während sie nachts den langen Weg zu Fuß zurückgehen müssen. Zudem bietet die Aftershow-Bühne im Steinbruch in unmittelbarer Nähe zum Berg-Campingplatz freitags und samstags die Gelegenheit, nach dem Programm auf den Hauptbühnen bis in die frühen Morgenstunden weiter zu feiern. Donnerstags wurde im Steinbruch zudem das Festival eröffnet.

CrowdMit Schmutzki, Rogers und Heisskalt kamen direkt alle Deutsch-Punk-Fans auf ihre Kosten. Trotz viel Regen im Vorfeld der Shows heizten die drei Bands das Publikum jeweils 50 Minuten ein. Während bei den Rogers aus Düsseldorf vieles ähnlich klang, zeigten Heisskalt ihre komplette Vielfalt auf der Bühne. Live präsentierten beide Bands hingegen eine sehr gute Show. Rogers machten so enorm Werbung für ihr am 08. September erscheinendes neues Album mit dem Namen ,,Augen auf’’. Mit Pünktlichkeit hatten es die Herren von Heisskalt nicht und fingen so eine gute Viertelstunde später an. Mit ,,Nicht anders gewollt’’ präsentierten die Stuttgarter direkt als erstes einen richtigen Brecher und steigerten sich kontinuierlich. Stimmungshöhepunkt war eindeutig ihr Evergreen ,,Hallo’’. Während dem vorletzten Song ,,Nacht ein’’ fiel dafür der Strom von Gitarre und Bass aus, was Sänger Mathias Bloech ironisch damit begründete, dass man sie von der Bühne jagen wolle, weil sie ihr Zeitlimit schon überschritten hatten. Dem war allerdings nicht so und so durfte das Quartett mit ,,Absorber’’ noch einen weiteren Song spielen.

MarathonmannDer Freitag versank ebenfalls im Regen und somit auch im Matsch. Zwar gab es immer wieder kurze Trockenphasen, dem Bodenzustand auf dem Gelände brachte dies hingegen keine Besserung. Auf der zweiten, deutlich kleineren ,,Sounds for Nature’’-Bühne begann der Freitag bereits um 14:40 Uhr mit Sound Injection, einer Münchener Blues-Rock-Band, die beim Emergenza Wettbewerb mit von der Partie war, der über das Wochenende verteilt auf der kleineren Bühne stattfand. Die Hauptbühne eröffneten um 17:50 Uhr Fiddler’s Green, die für eine Stunde ihren Irish Speedfolk aus Erlangen präsentierten. Irish Folk aus Deutschland? Richtig! Dem Sextett merkte man seine deutsche Herkunft hingegen überhaupt nicht an. Nach den Franken spielte mit Marathonmann eine weitere deutsche Post-Hardcore Band auf der ,,Sounds for Nature’’-Bühne. Das Quartett aus München zeigte ebenfalls, dass Deutschpunk mehr denn je lebt und deutsche Musik, wenn sie nicht im Radio läuft, spannend und künstlerisch wertvoll sein kann. Das Publikum dankte ihnen dafür mit Mosheinlagen und einigen Circlepits.

Jennifer RostockIm Anschluss gab es auf der Hauptbühne das erste Highlight des Festivals: Jennifer Rostock! Die Berliner Rockband hatte für das Publikum eine fette Show vorbereitet. Mit Schaumkanonen bei ,,Neider machen Leute’’, Konfetti-Kanonen und zwei Gastauftritten von Nico Webers, Frontmann der deutschen Mathcore-Band War from a Harlots Mouth boten Jennifer Rostock einiges. Auch auf dem Taubertal Festival trank das Quintett wieder fleißig Pfefferminz-Schnaps. Bassist Christoph Deckert trotzte zudem dem Wetter und begab sich ins Publikum, dass um ihn herum einen großen Circlepit startete. Für das Finale ihrer Show drehten die Rocker noch einmal richtig auf. Beim letzten Song ,,Ein Schmerz und eine Kehle’’ schwenkte Frontfrau Jennifer Weist mit der Regenbogenfahne und verabschiedete sich mit den bekannten Worten ,,Nazis raus, Schwanz rein’’ von der Bühne. Doch für ,,Hengstin’’ kam das Quintett noch einmal auf die Bühne und zerlegte alles in Schutt und Asche. Jennifer Rostock feiern in 2017 ihr zehnjähriges Bandjubiläum und haben für Ende August eine erste Überraschung angekündigt. Wir sind gespannt!

The Amity AfflictionWährend der Umbaupause zum nächsten Act unterlief dem Moderator von bigFM ein erster Fauxpas. Er kündigte die nachfolgenden The Amity Affliction als ,,The Amity Application’’ an. Die Jungs aus Australien wurden hingegen zu einer echten Überraschung. Musikalisch performte das Quartett nahezu perfekt. Alle Breakdowns saßen und obwohl sie ihre Hits erst zum Ende der Show auspackten, trat nie Langeweile auf. Das Publikum dürfte die Band nicht wirklich gekannt haben, nichtsdestotrotz bildete sich zu jedem Breakdown ein großer Moshpit. Frontmann Joel Birch zeigte sich zudem deutlich motivierter als noch auf dem Knockdown Festival vergangenes Jahr. Bassist Ahren Stringer, der für die Clean-Vocals der Band verantwortlich ist, sang zudem jede Note, als würde er gerade den Schmerz durchleben, von dem die Lyrics handeln. Mit ,,Pittsburgh’’, ,,Don’t Lean On Me’’ und ,,This Could Be Heartbreak’’ beendeten The Amity Affliction ein erstklassiges Set.

Rise AgainstNach einem kurzen Besuch auf der ,,Sounds for Nature’’-Bühne bei den Blues Pills, die leider auf der kleineren Bühne spielten, aber wieder einmal großartig waren, war es Zeit für den ersten Headliner. Und leider auch für eine große Enttäuschung. Die Station auf dem Taubertal Festival war für Rise Against die erste Show auf ihrer aktuellen Europa-Tournee und so zeigte sich das Quartett äußerst motiviert, musikalisch aber sehr schwach. Der Sound gehörte eindeutig zum schlechtesten des gesamten Festivals und Frontmann Tim McIlrath wirkte nach den ersten Songs schon sehr außer Puste. Dafür hatte die Punk-Band eine gelungene Bühnenshow. Zwei Videoleinwände zeigten immer wieder düstere Animationen, die abgestimmt zur Musik waren. Aus ihrem neuen Album ,,Wolves’’ präsentierten die Chicagoer mit ,,The Violence’’, ,,Welcome to the Breakdown’’ und ,,Wolves’’ nur drei neue Songs. Obwohl die US-Amerikaner bereits zehn Minuten früher die Bühne verließen, ließen sie mit ,,Prayer of the Refugee’’ einen ihrer größten Hits aus. Ein Fauxpas unterlief Frontmann McIlrath, als er das Publikum auf Pennywise einstimmte. Die spielten hingegen auf dem Rocco del Schlacko und dem Open Flair, nicht aber auf dem Taubertal Festival. Doch die Show von Rise Against hatte auch gute Elemente. Mit ,,Swing Life Away’’, ,,People Live Here’’ und ,,Hero of War’’ performte McIlrath drei Akustik-Balladen alleine. Immerhin konnten hier der Sound und seine Stimme überzeugen.

CounterfeitDer Samstag hatte nicht nur besseres Wetter – der Regen war endgültig vertrieben – sondern mitunter die besten Shows vom ganzen Festival. Auf der ,,Sounds for Nature’’-Bühne ging es bereits um 13 Uhr los, während Emil Bulls um 17:30 Uhr den Startschuss auf der Hauptbühne gaben. Die Münchener Alternative Metaller versorgten das Publikum eine Stunde lang mit Breakdowns, stimmten Circlepits und Mitsingparts an und sorgten für gute Laune. Unmittelbar nach dem Quintett begannen Counterfeit auf der ,,SfN’’-Bühne und zeigten die energievollste Show des Wochenendes. Frontmann Jamie Bower begab sich Dutzende Male ins Publikum, welches beim finalen ,,Enough’’ vom Debütalbum ,,Together We Are Stronger’’ einen gigantisch großen Circlepit um ihn herum bildete. Die Londoner Punk-Band wird mit solchen Shows ihren Bekanntheitsgrad schnell steigern und in wenigen Jahren mit Sicherheit auf der Hauptbühne zu finden sein. Unsere Entdeckung des Festivals!

Anti-FlagAuf die energievollste Show des Festivals folgte die zweitenergievollste Show des Festivals. Anti-Flag präsentierten Punk vom Feinsten und legten mit ,,The Press Corpse’’ ohne lange Anlaufzeit direkt los. Die US-Amerikaner machten sehr viel Stimmung und konnten eine der besten Publikumsleistungen vom gesamten Festival für sich verbuchen. Mit ihrem Politpunk machte das Quartett ordentlich Lärm gegen Donald Trump, Homophobie, Nationalismus, Sexismus, Rassismus und weitere Formen der Unterdrückung. Danksagungen gingen an die Organisationen ,,Kein Bock auf Nazis’’ und die Antifa sowie den Sonntags-Headliner Billy Talent raus. Mit ,,Should I Stay or Should I Go’’ und ,,Tubthumping’’ spielten Anti-Flag zwei Cover-Songs, bevor zu ,,Brandenburg Gate’’ Drummer Patrick Bollinger mit reduziertem Drumset im Publikum spielte und sich Bassist Chris Barker zum zweiten Mal ins Publikum begab. Auch nach ihrer Show sangen die Taubertaler noch ,,Power to the Peaceful’’, mit dem Anti-Flag ihre Show beendeten.

Biffy ClyroDer Samstag hatte zudem statt einem Headliner gleich zwei zu bieten. Den Auftakt des Doppel-Headliner-Duos machten die Brit-Rocker von Biffy Clyro. Das Trio, welches live als Quintett auftritt, legte los wie die Feuerwehr. Mit ,,Wolves of Winter’’, ,,Living Is a Problem Because Everything Dies’’, ,,Sounds Like Balloons’’, ,,Biblical’’, ,,Who’s Got a Match?’’ und ,,Bubbles’’ feuerten die Schotten einen Hit nach dem Nächsten ab und mit ,,All the Way Down’’ integrierten sie sogar eine echte Live-Rarität in ihr Set. Konnten Biffy Clyro dieses hohe Tempo durchhalten? Leider nein. In der Mitte des Sets platzierten sie mit ,,Friends and Enemies’’, ,,Re-Arrange’’ und ,,Medicine’’ drei Balladen in kurzem Abstand hintereinander und gegen Ende der Show folgte auch noch ,,God & Satan’’, was der Stimmung einen enormen Abbruch tat. So gab es beim abschließenden ,,Stingin’ Belle’’ nur noch einen klitzekleinen Moshpit, obwohl der ,,Opposites’’-Song normalerweise für eine wahre Ekstase im Publikum sorgt. Zwei Balladen weniger und Songs der Kategorie ,,In the Name of the Wee Man’’ oder ,,The Captain’’ hätten aus einem guten Konzert ein sehr gutes Konzert gemacht, da Biffy Clyro im Gegensatz zum Freitags-Headliner musikalisch und soundtechnisch einen einwandfreien Auftritt hinlegten.

CasperUnmittelbar nach den letzten Tönen des zweiten Headliners fiel ein Vorhang von der Bühnendecke, der dort bis zum Konzertbeginn des nächsten Headliners hingen blieb. Der dritte Festival-Headliner stach aus dem Rock-Milieu der anderen Superstars deutlich heraus. Mit Casper konnte das Taubertal Festival den aktuell wohl gefragtesten deutschen Rapper gewinnen. Und dieser hatte eine großartige Liveshow vorbereitet. Mit einer riesigen LED-Wand im Hintergrund, die bei einigen Songs Landschaftsaufnahmen zeigte, Pyrotechnik bei einzelnen Songs und einer großartigen Liveband fuhr er so einiges auf. In knapp 90 Minuten spielte er so ziemlich jeden Song, den man bei einem Casper-Konzert hören möchte. Mit ,,Alles ist erleuchtet’’, ,,Sirenen’’, ,,Lang Lebe der Tod’’ und ,,Keine Angst’’ performte er sogar vier Songs aus seinem bald erscheinenden neuen Album ,,Lang Lebe der Tod’’. Einziger Kritikpunkt wäre, dass seine Show ohne Gastauftritte auskommen musste. Doch das ist wirklich Meckern auf ganz hohem Niveau. Am Ende seiner sehr guten Show zeigte sich Casper sehr bewegt gegenüber dem Publikum, das ,,Hinterland’’ noch minutenlang weitersang. ,,Endlich angekommen’’ war am Ende nicht nur Casper, sondern auch das Publikum vom Taubertal Festival.

In ExtremoVon Itchy verpassten wir leider den Großteil wegen unseres Interviews mit Billy Talent, das Trio aus Eislingen/Fils dürfte aber wieder eine sehr gute Show gespielt haben. Im abschließenden ,,Down Down Down’’ sang das Publikum wieder lautstark mit. Warm war es am letzten Festivaltag nicht nur dank der endlich scheinenden Sonne, sondern auch aufgrund der Bühnenshow von In Extremo. Die Mittelalter-Metaller hatten sehr viel Pyrotechnik dabei und dürften sich beim Anblick der Rothenburg direkt heimisch gefühlt haben. Die Musik der Berliner dürfte nicht jedem gefallen haben, dafür konnten In Extremo mit einem sehr guten Livesound und einer hitzigen Bühnenshow überzeugen.

AlligatoahWieder einmal verdeckte ein Vorhang das Bühnenbild eines deutschen Künstlers, der sein Publikum mit Sprachgesang begeistert. Dieses Mal vor Alligatoah. Dieser hatte als Nicht-Headliner so einiges aufgefahren. Die ersten drei Songs – ,,Amnesie’’, ,,Vor Gericht’’ und ,,Lass liegen’’ – performte er aus einem Heißluftballon. Gesellschaft leistete ihm BattleBoi Basti, der während der Show musikalisch allerdings nicht weiter wichtig wurde. Unterstützt wurde Alligatoah von seinem ,,Geflügel’’, seiner vierköpfigen Liveband, die wieder einmal mit Engelsflügeln am Rücken auftrat. Für ,,Fick ihn doch’’ bestieg der feine Herr Gatoah eine goldene Kuh, die in der Bridge mit roten Laseraugen auf das Publikum zielte. Alligatoah zeigte sich als wahrer Entertainer und belustigte das Taubertal Festival mit humorvollen Ansagen. Ein Highlight der Show war ,,Es ist noch Suppe da’’, bei dem die Pogo-Fäuste so richtig geschwungen wurden. Mit ,,Willst Du’’ und ,,Musik ist keine Lösung’’ beendete Alligatoah seine Show und hätte gut und gerne noch länger spielen können. Doch der ultimative Abriss des Festivals stand in den Startlöchern.

Billy TalentBilly Talent waren eindeutig die Band, von der man am Wochenende das meiste Merchandise auf den Campingplatzen betrachten konnte. Die Kanadier machten dieser Tatsache alle Ehre und zeigten die beste Show des Festivals. Mit ,,Devil in a Midnight Mass’’, ,,This Suffering’’, ,,Big Red Gun’’ und ,,This Is How It Goes’’ – das sie ihrem an Multiple Sklerose erkrankten Schlagzeuger Aaron Solowoniuk widmeten – rissen sie das Taubertal Festival schon zu Beginn ihres Auftrittes ab. ,,Kingdom of Zod’’ motivierte Frontmann Benjamin Kowalewicz zu einer hasserfüllten Wutrede über Donald Trump und die Menschen, die ihn gewählt haben. Zu ,,Nothing to Lose’’ schlug er ruhigere Töne an und widmete den kürzlich verstorbenen Chris Cornell und Chester Bennington den Song. Dass Billy Talent keine Höhenangst haben, bewiesen Gitarrist Ian D’Sa und Bassist Jonathan Gallant, als sie zu ,,Afraid of Heights’’ das Bühnenbild erklommen. Auch den Kanadiern gefiel das Panorama des Taubertals außerordentlich. Kowalewicz versprach den Fans, dass seine Band ihre erste Show auf dem Taubertal Festival nicht vergessen wird. Das Quartett überzog nicht nur gute zehn Minuten, sondern beendete die 2017er-Ausgabe des Taubertal Festivals auf die bestmögliche Art und Weise.

Startete das Festival am Donnerstag und Freitag noch im Regen, konnten die zwei letzten Festivaltage mit gutem Wetter und großartigen Liveshows überzeugen. Mit seinem großartigen Panorama und jährlich starken Line-Ups gehört das Taubertal Festival zu den empfehlenswertesten Festivals des Landes. Bis nächstes Jahr!

© Fotos von Joshua Lehmann

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Jonathan Schütz