Livereview: Spiritbox + InVisions, Wiesbaden Kesselhaus, 06.06.2022

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Es geschieht nicht oft, dass man eine perfekte Show zu sehen bekommt. Und noch weniger, dass man dabei eine Band sehen kann, die während der Covid-19 Pandemie so durch die Decke gegangen ist: Nach nur zwei EPs und einem Album supportete die Band in den USA bereits Größen wie Limp Bizkit, Underoath, oder nun Baroness und Ghost in Europa, landete als Cover Stars auf etlichen internationalen Musikmagazinen und ist spätestens seit der Single Holy Roller in aller Munde. Die Rede ist von Spiritbox, die in der alternativen Musikszene zum echten Buzzword geworden sind. Wir durften uns die Show der Kanadier im Wiesbadener Kesselhaus ansehen und berichten, warum der Hype um sie gerechtfertigt ist.

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Das vollständig ausverkaufte Wiesbadener Kesselhaus platzt nach Anbruch der Festivalsaison am Montagababend bereits zum Support Act aus allen Nähten. InVisions aus York in England betreten die Bühne direkt mit breitem Grinsen und gewaltigem Geballer im Gepäck. Frontmann Ben Ville zeigt sich mit schurkenhaftem Grinsen motiviert, zu zerstören. Dieser Ansporn spiegelt sich auch in der Musik des Quartetts wider. Tiefergestimmte Gitarren und technische Riffs warten an jeder Ecke und spielen überzeugenden Breakdowns gekonnt den Ball zu. Hierbei erkundet Ville gefühlt mindestens acht Arten zu screamen, was bei den Zuschauern einige Augenbrauen zucken lässt. Das technische Niveau der Gruppe ist hoch: Anspruchsvolle Grooves suchen jede Passage heim, Gitarrist Lucas Gaby ähnelt in seinen kristallklaren Screams Sam Carter (Architects) und füllt damit melodische Lücken in einem Kopf-an-Kopf Rennen mit Sänger Ben Ville. In dieser für einen Support sagenhaft abgestimmten Performance werden so letztendlich alle Register gezogen, die eine Metalcore Band in 30 Minuten hätte demonstrieren können.

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Der Schweiß tropft dementsprechend auch schon von der Decke, ehe Spiritbox die Bühne betreten. Das intime Konzerthaus bietet zwar keinen Raum für eine ausgeklügelte Lichtshow oder visuelle Effekte, was den Auftritt jedoch einzigartig und unvergesslich macht. Das minimalistische Setting kommt hierdurch sowohl der Band als auch den Fans zugute, die teilweise seit Jahren auf die Chance, die Band zu sehen, gewartet haben.

Mit Eternal Blue hatte die Band im letzten Jahr inmitten einer Wüste gleich klingender Acts einen klaren Wegweiser für die Zukunft platziert. Das ursprüngliche Duo, bestehend aus Courtney LaPlante und Gitarrist Mike Stringer (ex-iwrestledabearonce), beschäftigt sich in seinen Liedern mit Finsternis, Tod, Wut und Trauer. Stilistisch bewegt sich die Band zwischen Künstlern wie Deftones, Gojira oder auch Tears For Fears. Doch wo andere sich hier schwer tun, sich auf einen Sound zu einigen, zaubern Spiritbox einen kräftigen Mix aus Djent, Core und Progressive Elementen mit starkem Wiedererkennungswert und Genre-Fluidität.

Durch Circle With Me wird ein passender Opener gewählt, der binnen Sekunden den gesamten Raum zum Springen bringt. Die Energie im Raum ist nicht greifbar, nahezu mystisch, hört sich die Band doch live so gut an, dass man sich selbst teils zwicken muss. LaPlante tanzt sich zwischen ihren Screaming- und Gesangspassagen durch das beinahe einstündige Set, während Drummer Zev Rose einen soliden rhythmischen Grundstein für die Show legt. In seinem virtuosen Gitarrenspiel experimentiert Mike Stringer zwar konzentriert, aber messerscharf mit Genregrenzen, die die Band wiederholt durchbricht. Der neu hinzugestoßene Bassist Josh Gilbert (ex-As I Lay Dying) integriert sich nach nur 3 Wochen perfekt als temporärer Ersatz für den jüngst ausgestiegenen Bill Crook, welcher die Band aufgrund privater Angelegenheiten im Mai verlassen hatte.

Der Großteil der Setlist widmet sich dem Debütalbum Eternal Blue, von dem ganze neun Lieder zum besten gegeben werden. Dies trägt dazu bei, dass sich die Show wie ein Greatest Hits Auftritt mit dazwischengeschobenen Easter Eggs in Form älterer Songs anfühlt. Spiritbox versprühen angesichts ihrer dunklen Musik starkes Charisma und Spielfreude, was sich in Live-Knallern wie Hurt You oder dem Höllenfeuer und Ultrahit Holy Roller äußert. Bei letzterem Song fühlt es sich teils so an, als würde dies der letzte Tag des Kesselhauses sein, bevor es implodiert: Dauerhafte Wall of Deaths, Pogo und Mitschreipassagen bekräftigen die These, dass man es hier nicht nur mit einer der einflussreichsten Newcomerbands, sondern auch mit einem must-see Live Act zu tun hat.

Spiritbox-2 Von der selbstbetitelten EP wird auch das Epos The Mara Effect, Pt.3 gespielt, was eine gelungene Brücke zwischen älterem Sound und neuerem Material schlägt. Das Hauptset wird von dem sich stark aufbauenden Eternal Blue beendet, welches in einem kratzigen Breakdown und schwebendem Gitarrensolo kulminiert. Hoch ekstatisch dankt das Publikum sofort mit starkem Applaus und one-more-song-Rufen.

Courtney LaPlante merkt vor der beinharten Zugabe Belcarra an, dass sie sich schon gedacht hatte, das Publikum würde gerne weitere Lieder hören. Anschließend schaut sie dankbar zu Gilbert herüber, welcher innerhalb weniger Tage 13 Lieder erlernen musste und erklärt, dass es deshalb nur noch einen Song gäbe. Für die freudigen Fans tut das der Performance aber keinen Abbruch, da jeder weiß: so einen genialen Auftritt wird man hier so schnell nicht mehr sehen.

Und das war die Setlist:

Circle With Me
Hurt You
Yellowjacket
Rule Of Nines
Halcyon
Silk In The Strings
Constance
Blessed Be
Secret Garden
The Mara Effect, Pt.3
Holy Roller
Eternal Blue

Belcarra

© Fotos von Jonathan Schütz

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Alex Loeb

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