Livereview: Phoebe Bridgers + Harrison Whitford, Batschkapp Frankfurt, 28.06.2022

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Das erste Deutschland-Konzert von Phoebe Bridgers seit der Pandemie war ein Spektakel für die Sinne, vor allem aber für das Herz.

Harrison Whitford

Bevor sich die Singer/Songwriterin eine nahezu ausverkaufte Batschkapp zu eigen macht, betritt mit Harrison Whitford ein zunächst unscheinbar wirkender Singer/Songwriter die Bühne. Whitford ist jedoch Gitarrist bei Bridgers‘ Liveband und hat mit Afraid Of Nothing vergangenen November ein Album veröffentlicht, auf dem sie bei einem Song Schlagzeug spielt. Davon spielt er heute sieben Songs in 30 Minuten, die an Elliott Smith oder John K. Samson erinnern lassen und zu denen man sich trotz sommerlicher Wärme gut vorstellen kann, wie sich die Laubblätter im Herbst verfärben. Nach eigener Aussage tritt Whitford mit einem gebrochenen Fußzeh auf, der ihn an nichts anderes denken lasse. Nur mit einer Akustikgitarre, seiner Stimme und einem Effektpedal an seiner Seite schafft er es das Publikum, zumindest in den vorderen Reihen, in den Bann zu ziehen, sodass dieses seinen sympathischen Auftritt mit einem Meer aus Handylichtern quittiert. Das verzeiht dann auch, dass er zum Schluss ein Cover von Joni Mitchell ankündigt, nur um doch einen seiner eigenen Songs zu spielen.

Phoebe Bridgers 1

Kurz nach 21 Uhr geht schließlich das Licht aus und Phoebe Bridgers betritt zum Disturbed-Klassiker Down With The Sickness eine in Nebel getauchte Bühne, bevor sie mit Motion Sickness ihren bekanntesten Song direkt zu Beginn verbrät. Zunächst scheint sie sich hinter der dunklen Lichtshow zu verstecken, bevor ab dem zweiten Refrain nicht mehr nur ihre Silhouette, sondern auch ihr Antlitz zu sehen ist. So sehr sich ihre Fans auch bemühen die 27-Jährige zu übertönen, bleiben sie letztendlich erfolglos, sodass man sie in jedem der 16 Songs glasklar verstehen kann. Überhaupt ist es bemerkenswert, wie sehr Bridgers nur mit ihrer weichen und umarmenden Stimme verzaubert. Immer wieder entlocken die frenetischen Jubelstürme des Publikums ihr ein dickes Grinsen. Ist auch nicht verwunderlich, schließlich war sie zuletzt im Mai 2019 in Deutschland auf Tour – mit Bright-Eyes-Frontmann Conor Oberst und dem gemeinsamen Projekt Better Oblivion Community Center – und ist seitdem auf dem besten Weg, ein Singer/Songwriter-Star zu werden.

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Ihr dafür verantwortliches zweites Album Punisher spielt Bridgers heute chronologisch und in voller Länge, packt mit Smoke SignalsFuneral und Scott Street aber auch drei ältere Songs vom Debütalbum Stranger In The Alps sowie den neuen Song Sidelines dazwischen. Das sorgt dafür, dass ihr zweitbekanntester und schnellster Song Kyoto bereits an dritter Stelle folgt. Ruhig wird es im Anschluss jedoch nicht, dafür singen ihre Fans zu inbrünstig mit und driftet ihre Liveband immer wieder in rockige Gefilde ab, etwa in Funeral oder Chinese Satellite. Doch es ist nicht nur die Musik, die an diesem Abend zu gefallen weiß, auch mit ihren Ansagen trifft Bridgers ins Schwarze. Ihr Heimatland USA bezeichnet sie aufgrund der jüngsten Entscheidungen des Obersten Gerichts bezüglich des Abtreibungsverbots als „gescheitertes Experiment“ und als „Peinlichkeit“, kritisiert Abtreibungsgegner und kommt gemeinsam mit Schlagzeuger Marshall Vore immer wieder auf das amerikanische Gesundheitssystem zu sprechen.

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Gemeinsam mit Vore erzählt sie auch regelmäßig Anekdoten zu den einzelnen Songs, behandeln diese doch teilweise wie ICU („I used to light you up/ Now I can even get you to play the drums“) die vergangene Beziehung der beiden. Hervorzuheben ist zudem die fantastische Lichtshow, die zwischen weihnachtlicher Lichterkettenbeleuchtung und großer Rockshow pendelt. Zu Letzterem gehört auch die gehörnte E-Gitarre, die Bridgers in einigen Songs verwendet sowie das Finale der Show: I Know The End schwingt sich in der zweiten Hälfte groß auf, die Lichter flackern wild, Rauch schießt über die Bühne und alle Musiker*innen lassen ihre Instrumente zusammen anschwellen. Danach ist es kurz ruhig und als Zugabe folgt das genaue Gegenteil: Phoebe Bridgers kehrt allein auf die Bühne zurück und fragt ins Publikum, welchen Song sie denn noch spielen solle. Unter einer Fülle an Stimmen scheint Georgia hervorgegangen zu sein und so beendet sie ein magisches Konzert in einem intimen Rahmen.

© Fotos von Romy Weidner

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Jonathan Schütz

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