Livereview: Kummer + Support, Batschkapp Frankfurt, 30.11.2019

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Mit seiner Band Kraftklub versetzt Frontmann Felix Brummer seit der Gründung 2010 in Quintett-Besetzung regelmäßig Menschenmassen in Ekstase. Während die Indie-Rap-Rock-Formation aktuell Pause macht, hat ihr Frontmann die Zeit genutzt und unter seinem Geburtsnamen Kummer sein fantastisches Solo-Debüt Kiox veröffentlicht, das er nun auch live präsentiert. Die Besetzung auf der Bühne mag sich zwar verringert haben, das Eskalationslevel ist hingegen gleichgeblieben.

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Die Wahl auf Keke als Tour-Support dürfte dem Chemnitzer leicht gefallen sein, hat die Wienerin doch nicht nur im Song Aber nein einen Gastpart, sondern sind weibliche Stimmen in der deutschsprachigen HipHop-Landschaft auch leider deutlich unterrepräsentiert. Ihre Debütsingle Donna Selvaggia hat Keke im Juli 2018 veröffentlicht, am 1. November diesen Jahres folgte mit Donna nun die erste EP, auf der die ausgebildete Jazz-Sängerin ähnlich wie Kummer zwischen zeitgemäßen und drückenden Beats auf der einen Seite und düsteren Themen wie Angststörungen und Depressionen auf der anderen Seite changiert. Diese Mischung bringt sie auch live auf die Bühne, gepaart mit einer Menge Selbstbewusstsein, dem Drang zum Tanzen und charmanten Interaktionen mit dem Publikum. Eines ist sicher: Keke wird ihren Weg gehen und auf diesem noch ihre Popularität steigern.

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Seiner Popularität war sich Kummer möglicherweise gar nicht so richtig bewusst, ist die Frankfurter Batschkapp mit einer Kapazität von 1.500 Besucher*innen doch die größte Venue der laufenden und restlos ausverkauften Tour. Für die Live-Präsentation eines Nr.1-Albums und der zudem ersten Solo-Tour des Frontmannes einer der populärsten deutschen Rock-Gruppierungen ist das genau so intim, wie es die Songs auf Kiox sind. Gegen 20:20 Uhr läutet ein Beat-Flackern den Album- und Konzert-Opener Nicht die Musik ein und – wie könnte es anders sein – schon jetzt schafft es das Publikum, so laut mitzusingen, dass man den Eindruck bekommen könnte, Kraftklub würden gerade vor der zehnfachen Menschenmenge auftreten. Für die Lichtshow zeigt sich Kummer zudem umweltfreundlich: Anstatt die Lichtleisten – die er in dem in Chemnitz eigens für den Verkauf von Kiox am Veröffentlichungswochenende eingerichteten, gleichnamigen Plattenladen – wegzuwerfen, nehmen diese einen immensen Part des Bühnenbildes ein und erzeugen ein nostalgisches Gefühl. Kiox ist am Ende ein Album geworden, auf dem die Melancholie überwiegt, das aber dennoch auch Material für schwitzige Moshpits bietet. Dass die Crowd aber schon im dritten Song 9010 nach dem vorherigen und düsteren Schiff zum ersten Mal den Kreis öffnet, überrascht selbst den Künstler, der für diese Songs verantwortlich ist, denn immer wieder ist Kummer dabei zu ertappen, wie er fassungslos auf der Bühne steht und nicht anders kann, als aus tiefstem Herzen zu lachen.

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Die zwölf Songs von Kiox reichen natürlich nicht aus, um ein vollwertiges Headliner-Konzert darzubieten, weswegen Kummer mit Chemie Chemie YaRandale und Schüsse in die Luft ein kleines Kraftklub-Medley als gewöhnungsbedürftige Remixe in die Konzert-Mitte packt. 500 K bedarf zum Glück keines Remixes und stellvertretend für alle Features, die Kummer bislang vorzuweisen hat, findet sein Part aus Zugezogen Maskulins 36 Grad einen Platz auf der Setlist. Bei Konzerten seiner Band Kraftklub sind es auch die durchdachten, aber humorvollen Ansagen von Kummer, die die Shows der „Band mit dem K“ zu wahren Konzert-Perlen werden lassen, im Solo-Gewand zieht er dieses Konzept natürlich auch durch und verleiht den meisten der Songs die passende Anmoderation. Damit der reguläre Konzert-Abschnitt mit dem abschließenden Ganz genau jetzt nicht so düster endet wie Kiox, ertönt der Beat des Songs in einer überarbeiteten und weitaus weniger düsteren Version aus den Boxen. Den Text der ersten Zugabe Bei Dir kennt natürlich eh jede*r auswendig und vom folgenden Der Rest meines Lebens gibt es den eingängigen Refrain von Max Raabe gleich viermal und damit doppelt so oft wie auf der Studioversion zu hören. Danach ist Schluss und alle Konzertgänger*innen dürften nach dieser eindrucksvollen Ein-Mann-Show in höchster Schwärmerei in die eisige Frankfurter Samstagnacht entströmt sein.

© Fotos von Valentin Krach

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Jonathan Schütz

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