Livereview: Kummer + Blond, Schlachthof Wiesbaden, 27.11.2021

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Kaum zu glauben, aber nach dreimaliger Verschiebung und anderthalb Jahre später als geplant konnte Felix Kummer endlich im Wiesbadener Schlachthof auftreten. Ein denkwürdiger Abend für alle, die sich trotz der angespannten Pandemie-Lage in die hessische Landeshauptstadt getraut haben.

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Durchgeführt wurde das Konzert unter den geltenden 2G+-Regeln: Eintritt für ausschließlich vollständig Geimpfte und Genesene in Kombination mit einem tagesaktuellen negativen Schnelltest oder einem maximal 48 Stunden alten negativen PCR-Test. Die aktuelle Corona-Verordnung Hessens thematisieren auch Blond, indem sie erzählen, dass die Veranstalter*innen sie dazu gebeten hätten, diese dem Publikum vorzulesen. Ist natürlich nur ein Scherz, um den Song Sanifair Millionär anzuteasern. Denn wie ihr älterer Bruder Felix besitzen auch Nina (Gesang und Gitarre) und Lotta Kummer (Gesang und Schlagzeug) jede Menge Swag, nicht zu schweigen von Bassist und Keyboarder Johann Bonitz. Die Ausstrahlung des Trios schlägt sich auch auf ihren Auftritt aus: Blond spielen zwar nur fünf Songs in einer guten halben Stunde, heizen das Publikum aber maximal auf. Sei es durch das Anstiften weiterer Moshpits, nachdem die Konzertbesucher*innen dies zunächst selbst in die Hand genommen haben, einen doppelten Wechsel der aufeinander abgestimmten Outfits oder ganz simpel durch ihren mitunter krachenden Indierock in Songs wie ThorstenEs könnte grad nicht schöner sein – zu dem passenderweise mehrere Tampons auf die Bühne fliegen – oder Du und Ich. Dabei profitieren Blond auch von einem hervorragenden Sound, der insbesondere Bonitz‘ Bass eindringlich pulsieren lässt. Nicht ausgeschlossen, dass sich mit diesem Auftritt weitere Blondinatoren – wie Blond ihre Fans liebevoll nennen – gefunden haben.

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Auch wenn das Konzert am heutigen Abend stattfinden kann, heißt dies nicht, dass Kummer seine Tournee wie geplant spielen kann. Die Shows in Dresden, Hannover, Stuttgart und München müssen aufgrund der in den jeweiligen Bundesländern geltenden Corona-Verordnungen etwa erneut verschoben werden. Umso glücklicher ist der Chemnitzer darüber, heute endlich in Wiesbaden auftreten zu dürfen, und umso frenetischer wird er von seinem Publikum kontinuierlich mit Felix-Kummer-Sprechchören gefeiert. Wie auf seiner ersten Tour im Herbst 2019 spielt er alle zwölf Songs seines Soloalbums Kiox, rappt seine Strophe des gemeinsam mit Zugezogen Maskulin und Nura veröffentlichten Songs 36 Grad, den Kraftklub-Smasher 500K sowie ein drei Songs starkes Kraftklub-Medley, das sich erneut aus Chemie Chemie YaSchüsse in die Luft und Randale zusammensetzt, wobei der klare Gewinner unter den Trap-Remixen Randale heißt. Neu im musikalischen Repertoire ist lediglich das kürzlich veröffentlichte Stück Der letzte Song (Alles wird gut), dessen von Giant-Rooks-Frontmann Fred Rabe gesungener Refrain heute leider aus der Büchse kommen muss.

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Dabei gelingt Kummer das Kunststück, auch die höchst melancholischen Songs wie Es tut wieder weh26 oder das ebenfalls mit einem Remix ausgestattete Ganz genau jetzt an sein Publikum zu bringen, ohne dass sich ein Stimmungsabfall im Vergleich zu den mehr nach Abriss und Moshpit getrimmten Songs bemerkbar macht, wofür er sich auch ausdrücklich bedankt. Neu ist hingegen das von einem rotierenden Videowürfel bestimmte Bühnenbild. Dieser sorgt nicht nur für eine fantastische Lichtshow, sondern zeigt zu Konzertbeginn, in der Mitte sowie vor den Zugaben kurze Videoschnipsel im Format des 9010-Musikvideos. Eine musikalische Überraschung hält der Abend dann aber doch noch bereit: anstelle von LGoony und KeKe stürmen zu Aber nein Nina und Lotta Kummer die Bühne und rappen Teile des Cardi B-Hits WAP. Ansonsten hat Felix Kummer die Bühne ganz für sich allein und scheint darin trotz seiner fehlenden Kraftklub-Bandkollegen aufzugehen, wenn man seine mitunter lässigen Tanzbewegungen betrachtet. Das Publikum ist an diesem Abend besonders auf Abriss und Krawall gebürstet und zeigt sich bis auf vereinzelte übergriffige Idioten, die offensichtlich nicht mehr Herr ihrer Sinne waren, als geschlossene Einheit. So auch im abschließenden Der Rest meines Lebens, bei dem es den von Max Raabe gesungenen Refrain kurzerhand selbst übernimmt und diesen wiederholt in den Wiesbadener Abendhimmel schreit. Am Ende dürften sich alle einig sein: dieser Abend hat gut getan und wird nicht nur aufgrund seines besonderen Alleinstellungsmerkmals während eines trostlosen Herbstes noch lange in den Köpfen aller Besucher*innen bleiben.

© Fotos von Valentin Krach

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Jonathan Schütz

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