Livereview: Kraftklub + Support, Halle Münsterland, 24.10.2017

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Mit ihrer aktuellen Tour katapultieren sich Kraftklub endgültig in den Rock-Olymp.

Gurr

Bevor die restlos ausverkaufte Halle Münsterland in Münster von den bekanntesten Hosenträgern der Bundesrepublik eingenommen wurde, durften Gurr für eine halbe Stunde das Publikum verzaubern. Das Berliner Garage-Rock-Duo machte ganz schön Alarm – was auch an dem konzertbedingten Zuwachs der Band lag. Die Sängerinnen und Gitarristinnen Andreya und Laura Lee werden live von einem Schlagzeuger und einer Bassistin unterstützt. Ihre teils deutschen, aber größtenteils englischen Songs fanden bei der schon sehr gut gefüllten Halle viel Anklang, was mit enormen Beifall bedacht wurde. Gurr gehören zu den spannendsten deutschen Rock-Newcomern und werden mit weiterhin energiegeladenen Auftritten ihre Fanbase schnell vergrößern können.

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Nach den zwei überaus erfolgreichen Alben “Mit K“ und “In Schwarz“, die sich qualitativ und stilistisch auf dem gleichen – und hohen – Niveau bewegten, legten Kraftklub eine wohlverdiente Konzertpause ein – und nahmen klammheimlich ihr drittes Studioalbum “Keine Nacht für Niemand“ auf. Die Platte zeigte die Indie-Rock-Band reifer und poppiger als zuvor, stand den Vorgängern in Sachen Partystimmung und Qualität aber in nichts nach. Nun ist Gewissheit: Auch ein Set, das zu einem Drittel aus neuen Songs besteht, sorgt bei den Fans der Chemnitzer für pure Ekstase.

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Um Punkt 21 Uhr erlosch die Hallenbeleuchtung und zu den ersten Tönen von “Hallo Nacht“ konnte man das Quintett hinter dem roten Vorhang erkennen. Dieser fiel auch schnell und offenbarte der Band ein gänsehautreifes Bild: Die komplette Halle hüpfte herum und sang lautstark mit. Überraschend früh spielten Kraftklub ihren überaus sozialkritischen Song “Fenster“ sowie “Liebe zu Dritt“, der gegen Ende in einen brachialen Synthesizer-Breakdown mündet und auch sehr gut ans Ende der Show gepasst hätte. Die schwarze Rückansicht hielt nur den Anfang des Konzertes stand – nach wenigen Songs schmückte ein schwarz-weißes Kraftklub-Banner die Bühne. Dieses wurde ebenfalls nach kurzer Zeit wieder eingetauscht. Eine portable, drehbare Bannerreihe sorgte für offene Münder, indem nur durch einen Mausklick ein anderes Bühnenbild entstehen konnte. Mal wurde der hintere Teil der Bühne durch das Cover des neuen Albums dekoriert, stellenweise durch die bekannten K-Finger der Band, aber immer mit einem Wechsel zwischen Rot und Weiß.

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Natürlich durften aber auch die Basics einer Kraftklub-Show nicht fehlen. Dazu gehört auch das Glücksrad, das den Ostdeutschen die Songauswahl erleichtert. Frontmann Felix Brummer holte dafür einen aus Brasilien angereisten Fan auf die Bühne, der “Irgendeine Nummer“ aus dem Rad herausholte. Auf einer Kraftklub-Show darf ebenfalls das Feiern der Vorgruppe nicht fehlen. Und so kamen Gurr erneut auf die Bühne und coverten mit dem Headliner des Abends “Song 2“ von Blur. Einen magischen Moment produzierten Kraftklub, als sich zu “Band mit dem K“ ein großes, LED-getränktes K aufklappte und für den Rest des Konzertes ordentlich Remmidemmi machte und alle nur erdenklichen Lichtshow-Varianten präsentierte. Ihre ganze Diskographie präsentierte die Indie-Band im Schnelldurchlauf in einem Medley, das “Kein Liebeslied“, “Dein Lied“, “Liebe“, “Für Immer“ und “Melancholie“ beinhaltete. Kreativ wurde das Quintett hingegen im Kreieren einer Wall Of Death. Mithilfe von sich bewegenden Spotlights öffnete der Lichttechniker die Mitte der Halle. Nach ihrem absoluten Smasher “500K“ beendeten Kraftklub mit ihrem Überhit “Chemie Chemie Ya“ den ersten Block ihrer Show.

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Das größte Geschütz fuhren sie dafür erst zu den Zugaben auf. Nach kurzer Stille fanden sich alle Bandmitglieder im hinteren Teil der Halle auf der B-Stage wieder. “Ich will nicht nach Berlin“, “Schüsse in die Luft“ und “Randale“ spielten die Karl-Marx-Städter aus luftiger Höhe auf der wie ein Aufzug funktionierenden knallroten B-Stage. Und als wäre auch das noch nicht genug, zeigten sich Kraftklub kurz vorm Ende ihres Auftrittes sportlich. Die Erfinder des Wettcrowdsurfens übten ihre Sportart in der Halle Münsterland selbst aus und bahnten sich über tausende Hände einen Weg zurück auf die richtige Bühne. Nach “Blau“ schloss die Band mit dem K ihre größenwahnsinnige Liveshow mit ihrem Evergreen “Songs für Liam“ ab, das wie gewohnt mit einem Snippet von “Hey Jude“ verlängert wurde. Konfetti und halbnackte Menschen mit wedelnden T-Shirts ergaben ein einzigartiges Schlussbild.

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Was Kraftklub auf ihrer “Keine Nacht für Niemand Tour“ abfeuern, grenzt an Größenwahnsinn und ist eine der aufwendigsten deutschen Produktionen der letzten Jahre. Über sage und schreibe 135 Minuten versorgten die Indie-Rocker mit dem Rap- und Punk-Einschlag eine proppenvolle Halle Münsterland mit guter Laune, Motivation zum Abreißen und Fanservice allererster Sahne. Dieses Spektakel kann man nicht in Worte fassen, man muss es erleben. Chapeau!

© Fotos von Lizvision

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Jonathan Schütz

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