Livereview: Kraftklub, Festhalle Frankfurt, 03.12.2022

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Kraftklub haben sich seit der Veröffentlichung ihres Debütalbums Mit K vor zehn Jahren zu einer der größten deutschen Rockbands entwickelt. Das unterstreicht ein fantastisches Konzert in der seit Monaten ausverkauften Frankfurter Festhalle.

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Bis zu 15.000 Menschen finden dort bei voller Auslastung Platz. Wie viel tatsächlich an diesem eisigen Samstagabend in die Halle strömen, lässt sich nur schwer einschätzen, doch gerade im vorderen Bereich des Innenraums gleichen die 130 Minuten Konzert einem dicht gedrängten Gruppenschwitzen. Das fällt auch Frontmann Felix Brummer auf, der gleich zu Beginn dazu bittet, aufeinander aufzupassen, und insbesondere die männlichen Konzertbesucher auffordert, sich zu benehmen und die Shirts anzulassen, damit sich auch alle anderen wohlfühlen. Das scheint größtenteils zu funktionieren und nachdem sich das Getümmel nach einigen Songs besser verteilt, lässt sich auch die Show der Chemnitzer in vollem Ausmaß genießen. Die hat es in sich: die Bühne ist zunächst von heruntergelassenen Gardinen von vorne als auch von der Seite verdeckt, die nach dem Intro des eröffnenden In meinem Kopf gerade mal so weit nach oben fahren, dass die fünf Musiker zu sehen sind. Erst im Anschluss an den zweiten Song Fahr mit mir (4×4) werden die Stoffgardinen nahezu komplett eingerollt, sodass die gesamte und unter anderem aus drei riesigen, beweglichen Beleuchtungstraversen bestehende Bühne erkennbar ist.

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Die schon vor Konzertbeginn überragende Stimmung explodiert mit dem Betreten der Bühne von Kraftklub. Selbst gemäßigtere Songs wie Wittenberg ist nicht Paris werden mit Moshpits quittiert, bei älteren Songs wie Ich will nicht nach Berlin scheint die Halle dagegen förmlich zu Beben. Eure Mädchen halten Kraftklub traditionell in der zweiten Strophe an, dieses Mal bekommt der eingefroren wirkende Brummer zudem eine Konfettikanone in die Hand gedrückt, ehe seine Band wieder den Startknopf drückt. Mit dabei ist auch erneut das den nächsten Song bestimmende Glücksrad, das ein ausgewählter Fan drehen darf. Zur Auswahl stehen neben einer Zigarettenpause Irgendeine Nummer, ein Kover-Song sowie das triumphierende Scheissindiedisko, zu dem die Festhalle ihre Oberteile im Kreis rotieren lässt. Ihr Ende September erschienenes viertes Album Kargo spielen Kraftklub auf der Tour in voller Länge und im Anschluss an Wie ich folgen gleich fünf der elf Songs hintereinander. Nach Der Zeit bist du egal werden die Gardinen wieder heruntergelassen, bei der folgenden Ballade Angst thront Gitarrist und Sänger Karl Schumann im Nebellicht in respektabler Höhe auf der mittleren Traverse, ehe die Bühne zu Vierter September in Regenbogenfarben erleuchtet ist. Der Song handelt vom Tag nach dem „Wir sind mehr“-Konzert, das Kraftklub am 3. September 2018 als Reaktion auf die rechtsextremen Ausschreitungen in ihrer Heimatstadt Chemnitz auf die Beine gestellt hatten und der Erkenntnis, dass sich dadurch nichts an der gesellschaftlichen Lage geändert hat. Diese Ohnmacht thematisiert Brummer in einer kurzen Ansprache, die von „Nazis raus“-Rufen begleitet wird. Das ist natürlich immer gut, doch wie Kraftklub in Wittenberg ist nicht Paris selbst festgestellt haben, „ruft es sich [Nazis raus] leichter/ Da, wo es keine Nazis gibt“.

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Für Kein Gott, kein Staat, nur du holen Kraftklub Support Mia Morgan nochmal auf die Bühne, die zuvor während ihres Auftritts unter Tränen erzählt, wie viel es ihr bedeute, vor so einer großen Kulisse in der Stadt, in der sie als 17-Jährige Straßenmusik gemacht hat, im Vorprogramm einer ihrer Jugendidole aufzutreten und sich dabei im Gegensatz zu ihrer Jugend im eigenen Körper wohl zu fühlen. Für So schön betreten schließlich Nina und Lotta Kummer von Blond – und zugleich Schwestern von Felix und Till Brummer – die Bühne, womit das Publikum heute einen weiteren Song mit einem Feature-Gast in der Albumversion von Kargo zu hören bekommt. Anschließend nehmen Kraftklub den Weg durchs Publikum in den zweiten Wellenbrecher auf sich, von wo sie in der Mitte der Menge Kein Liebeslied sowie den Kummer-Song Bei dir in reduziertem Gewand spielen, während die Halle um sie herum auf dem Boden sitzt und tausende Handylichter erstrahlen. Nach diesem magischen Moment bahnt sich die Band den Weg zurück, die Geschwister Brummer machen jedoch noch kurz für 500K im ersten Wellenbrecher auf einem Bühnencase halt.

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Karl-Marx-Stadt leitet mit brennenden Bengalos sowie einem auf der Bühne hängenden leuchtenden K schließlich das Finale ein. Nach Schüsse in die Luft wird sich zu Randale kollektiv hingesetzt und wieder aufgesprungen, während auf der Bühne gleichnamige Flaggen sowie Regenbogenfahnen geschwenkt werden. Nach Chemie Chemie Ya gehen die Gardinen noch einmal nach unten, ehe mit Blaues Licht die erste Zugabe folgt. Wie in anderen Städten wird an gleich mehreren Stellen der Festhalle zum abrupten Ende ein Moshpit geöffnet, sodass sich Kraftklub verpflichtet fühlen, die Bridge des Songs erneut zu spielen. Zwischen Ein Song reicht und dem finalen Songs für Liam kündigt das Quintett schließlich seine Rückkehr ins Rhein-Main-Gebiet mit einem Open-Air-Konzert in Wiesbaden für den August an. Keine zweite Band schafft es so sehr wie Kraftklub, einerseits klare Kante zu zeigen und andererseits so riesige Venues wie die Festhalle in einen Ausnahmezustand zu verwandeln und dabei dennoch ein persönliches Band zwischen sich und ihr Publikum zu spannen.

© Fotos von Valentin Krach

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Jonathan Schütz

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