Livereview: Jack White + Support, Jahrhunderthalle Frankfurt, 15.07.2022

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Ehemaliger Frontmann von The White Stripes, Sänger und Gitarrist von The Raconteurs, Schlagzeuger von The Dead Weather, erfolgreicher Label-Betreiber von Third Man Records und herausragender Solo-Künstler: Jack White ist zweifelsohne einer der wichtigsten Musiker des 21. Jahrhunderts und hat seinen Status mit einem elektrisierenden Konzert untermauert.

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Die Shows des 47-Jährigen finden schon länger als „Phone Free Show(s)“ statt. Es werden also nicht nur keine externen Fotografen zugelassen, Handys müssen beim Einlass in spezielle Hüllen des Herstellers Yondr gelegt werden, die durch qualifiziertes Personal verschlossen werden und sich – wie beim Kaufen von Klamotten – nur durch einen gesonderten Mechanismus öffnen lassen. Man trägt sein Handy also wie gewohnt mit sich herum, kann jedoch nur in bestimmten Nutzungsbereichen nach Öffnung der Hüllen durch das Personal darauf zugreifen, bevor es vor der Rückkehr in den Konzertsaal wieder verschlossen wird. Es ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, nicht in der Umbaupause zwischen Support und Hauptact darauf zugreifen und keine Infos zur Vorband Larkin Poe recherchieren zu können, spätestens als Jack White die Bühne betritt, hat man jedoch komplett vergessen, sein Handy für wenige Stunden nicht benutzen zu können und genießt vielmehr, dass im Publikum keine flackernden Bildschirme aufleuchten. Dem 45-minütigen Auftritt der Roots-Rocker*innen tut das Handyverbot sicherlich gut, können alle Konzertbesucher*innen doch gar nicht anders, als sich auf die Show des US-Quartetts einzulassen. Die Band um die beiden Schwestern Rebecca und Megan Lovell zahlt dies mit einem leidenschaftlichen und den Blues zelebrierenden Auftritt zurück. Insbesondere Megan Lovell stiehlt mit ihrer Lap-Steel-Gitarre immer wieder die Show.

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Um 21:15 Uhr wird das Licht gedämmt und die hervorragende musikalische Untermalung der Umbaupause verstummt. Eine dreiköpfige Liveband betritt zu dunklem Licht die Bühne und startet einen gemeinsamen Jam, in den kurz darauf auch Jack White mit einer seiner vielen Gitarren einsteigt. Es folgt ein nahtloser Übergang zum ersten Song Taking Me Back, Opener von Whites neuem Album Fear Of The Dawn und ein unglaublich energetisches Stück Gitarrenmusik. Schade, dass die Energie von Song, Jack White und Band durch einen verkleinerten Innenraum und zusätzliche Sitzplätze zunächst etwas abgemildert wird. White und seine Komparsen lassen sich davon jedoch nicht beirren und preschen nach Taking Me Back durch weitere rockigere Stücke: Fear Of The DawnDead Leaves And The Dirty Ground von The White Stripes und The White Raven. Danach folgt eine Zensur: White packt für mehrere Songs den Saloon-Blues und Bassist Dominic John Davis den Kontrabass aus. Zu Whites Schaffen gehört neben rifforientiertem und nach vorne preschendem Bluesrock eben auch die Huldigung früher Blues-Wurzeln der US-Südstaaten.

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Als es droht, eintönig zu werden, stellt Davis den Kontrabass wieder in die Ecke und White macht mit einer Art Greatest-Hits-Auftritt weiter. Von Fear Of The Dawn folgen noch die Gitarren/HipHop-Crossover What’s The Trick? und Hi-De-Ho, dessen auf dem Album erste von Q-Tip gerappte Strophe White selbst übernimmt, indem er in das im Ohr der seinem Antlitz nachempfundenen Statue auf der Bühne positionierte Mikrofon singt. Von seinem dritten Soloalbum Boarding House Reach spielt er nur die ruhige Blues-Nummer What’s Done Is Done, seinen ersten beiden Soloplatten Blunderbuss und Lazaretto spendiert er dagegen jeweils zwei Songs, mit That Black Bat Licorice von Letzterem als klarem Highlight. Von seinem zweiten neuen Album in diesem Jahr, dem kommende Woche erscheinenden Entering Heaven Alive, spielt er drei Songs, mit elf von 24 Songs besteht nahezu die Hälfte der Setlist wiederum aus Songs von The White Stripes, The Dead Weather und The Raconteurs. Darunter offensichtliche Highlights wie Fell In Love With A Girl, aber auch Unerwartetes wie Offend In Every Way.

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Neben einer ausgewogenen und seine Karriere abbildenden Setlist überzeugen auch die restlichen Komponenten: der brachiale und stets die 100 Dezibel überschreitende Live-Sound, der Whites Gitarren eine starke Dringlichkeit verleiht, das Zusammenspiel mit seiner hervorragenden Liveband, die er immer wieder in seine Bühnenperformance einbindet, sowie die stets in Blau getauchte Lichtshow, die Whites Liebe für die Farbe in seinem Soloschaffen endgültig manifestiert. Während einzelne Songs im regulären Teil der Show immer wieder für lautstarke Publikumsreaktionen sorgen, bringen die Zugaben endgültig Ekstase und einen Großteil der sitzenden Fans zum Stehen. Den Raconteurs-Klassiker Steady, As She Goes dehnen White und Band auf die doppelte Länge aus, bevor White nach seinem bekanntesten Solo-Song Lazaretto das sechsminütige Storyteller-Meisterwerk Caroline Drama auspackt. Als wäre das alles nicht schon großartig genug, beendet er seine fast zweistündige Show mit dem White-Stripes-Gassenhauer Seven Nation Army. Überraschenderweise scheint er die große Geste zu genießen und fordert das Publikum sogar zum Singalong auf. Plötzlich sind betrunkene Fußballfans nicht mehr fern, doch am Ende haben das unverschämt eingängige Riff und Whites unnachahmlicher Gesang die Oberhand. Mit seiner zweiten Ansage des Abends verabschiedet er sich in die Katakomben. So hält man seinen Legendenstatus am Leben.

© Fotos von David James Swanson

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Jonathan Schütz

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