Livereview: Heisskalt + Support, Das Bett Frankfurt, 25.09.2016

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Nach einem aufregenden Sommer inklusive Album-Release, unzähligen Festivalauftritten und Besetzungswechsel ist die deutsche Post-Hardcore Band Heisskalt aktuell auf ’’Vom Wissen und Wollen’’-Tour. Wir waren in Frankfurt vor Ort und haben uns im Bett ein Bild davon gemacht.

An einem warmen Spätsommertag bildete sich in unmittelbarer Nähe zur Kommunikationsfabrik eine Menschenansammlung vor dem Frankfurter Club Das Bett. In den folgenden Abschnitten ist bei dem Begriff ,,Bett’’ also nicht ein Ort der Ruhe gemeint, sondern ein warmer, enger und verschwitzter Club!

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Den Anfang machte am vergangenen Sonntagabend das Quartett Lirr. Die Band ordnet sich selbst in das Genre Emo ein und wird den Konzertbesuchern aufgrund einer einzigartigen Performance definitiv im Kopf bleiben. In den 25 Minuten, die sie auf der Bühne standen, gab es zwischen den einzelnen Songs so gut wie keine Pausen und die Show fühlte sich wie ein einziger langer Song an. Die meiste Zeit penetrierten die jungen Männer die Ohren der gut 400 Zuschauer mit harter und perfekt performter Instrumentalmusik, zu der sich der wütende Schreigesang von Sänger Leif dazu gesellte. Einziges Manko einer musikalisch hervorragenden Performance war die Bühnenpräsenz der jungen Männer. Die Instrumentalisten – abgesehen von Leif – standen die meiste Zeit mit dem Rücken oder der Hüfte zum Publikum, was eine gewisse Wand zwischen Publikum und Künstlern entstehen ließ. Nichtsdestotrotz haben Lirr mächtig Eigenwerbung für ihre Musik gemacht – wenn man sich darauf einlässt.

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Nach einer gut halbstündigen Umbaupause, in der der Tontechniker Gummibärchen im Publikum verteilte, war es um Punkt 21 Uhr soweit: Heisskalt betraten die Bühne. Ein rappelvolles und ausverkauftes Bett lauschte gespannt dem Intro ’’Das bleibt hier’’, das gleichzeitig auf dem Debütalbum der Stuttgarter Band ’’Vom Stehen und Fallen’’ der erste Song ist. Nach diesem eher ruhigen Song wurden mit ’’Nicht anders gewollt’’ direkt härtere Töne angeschlagen und das Publikum zeigte sich direkt eskalationswütig und so bildete sich der erste Moshpit des Abends. Mit ’’Nacht ein’’ und ’’Angst hab’’ wurden anschließend die ersten Songs aus dem neuen Album vorgetragen. Heisskalt wechselten im Verlauf des Abends immer wieder gekonnt zwischen alten und neuen Songs und beglückten so sicherlich das Herz eines jeden Fans im Publikum, das sich hundertprozentig textsicher zeigte und jede Textzeile mit Leidenschaft wiedergab.

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Heisskalt ist keine Band der großen Worte. Sänger Mathias Bloech tätigte nur wenige Ansagen, doch wenn er etwas zum Publikum sagte, kam dies absolut sympathisch und authentisch rüber und wirkte nie fehl am Platz. So kam er auch auf den aufkeimenden Rassismus in Deutschland in Bezug zur Flüchtlingskrise zu sprechen und setzte ein klares Statement gegen Fremdenhass. Doch auch musikalisch konnte die Band absolut überzeugen. Ihre Musik ist nur schwer in ein Genre zu stecken. Zwischen Post-Hardcore, Punk, Indie und Alternative Rock wird man das Trio, das live zurzeit vom Aushilfsbassisten Dani Weber unterstützt wird, am besten einordnen können. Ein Grund für die starke Performance war der Sound im Bett, der trotz einer eher kleineren Anlage sehr gut ausbalanciert war und nie große Schwächen offenbarte. Ein anderer Grund war die wirklich ausgereifte Bühnenperformance der Band. Da werden die Positionen auf der Bühne im Minutentakt getauscht, die Instrumente wirbeln durch die Luft und kein Haar bleibt an seiner Stelle.

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In der Mitte des Sets betrat noch einmal Leif von Lirr die Bühne sowie Sänger Simon von der Band Lygo, die im zweiten Abschnitt der ’’Vom Wissen und Wollen’’-Tour Heisskalt supporten wird. Zusammen mit Heisskalt performten sie den gemeinsamen Song ’’Leben wert’’. Im unmittelbaren Anschluss daran folgte ein Medley der 2013 erschienenen EP ’’Mit Liebe gebraut’’, in dem sie alle fünf Songs des Extended Players zusammenwarfen und ein wildes Produkt herauskam, das beim Publikum sehr gut ankam. Mutige Entscheidung von der Band, ihren Evergreen ’’Hallo’’ nur kurz anzuspielen. Doch Heisskalt sind mittlerweile viel mehr als die brave Band aus dem Jahre 2013, was sie direkt danach im äußerst harten ’’Doch’’ zeigten. Spätestens jetzt war jedem klar, dass Teile des Publikums Hardcore-Shows gewöhnt waren und ordentlich austeilen konnten. Mit ’’Kaputt’’ und den beiden Single-Veröffentlichungen ’’Euphoria’’ und ’’Absorber’’ verabschiedete sich das Live-Quartett erstmalig von der Bühne.

Überschattet wurde der letzte Song von einer Fast-Schlägerei, als ein junger, offensichtlich betrunkener Mann dachte, es sei eine schlaue Idee, sich mit einer vollen Bierflasche in den Pit zu stürzen. Dabei schlug er einem anderen Konzertbesucher mit der Flasche auf den Kopf, woraufhin dieser ihm die Flasche abnahm und auf den Boden legte, was den gewalttätigen Langhaar-Hipster dazu veranlasste, dem leicht verletzten Mann ins Gesicht schlagen zu wollen, weil er dachte, ihm würde sein Bier geklaut werden. Zivilcourage zeigende Mitbesucher konnten den verwirrten Jesus-Verschnitt jedoch zu aller Erleichterung aufhalten. Leute, lasst die Glasflaschen aus dem Pit draußen. Konzerte sind ein Ort der Freude und unnötige Gewalt benötigt kein Mensch!

Als sich der hintere Bereich des Betts wieder beruhigt hatte, kehrten Heisskalt noch einmal auf die Bühne zurück und beendeten mit ’’Alles gut’’ und ’’Gipfelkreuz’’ ein starkes, 1:40 Stunde langes Konzert.

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Heisskalt haben am vergangenen Sonntag eine wirklich starke Show hingelegt. Kein T-Shirt blieb trocken und keine Stimme ließ sich als nicht lädiert bezeichnen. Eine hervorragend ausgewählte Setlist tat ihr übriges. Die besondere Atmosphäre, die zwischen Band und Publikum entstand, hätte in einer Konzerthalle nie entstehen können. Clubshows besitzen einen eigenen Charakter und Heisskalt haben an diesem Abend alles abgeliefert, was zu einem perfekten Club-Konzert dazu gehört. Mit ’’Vom Wissen und Wollen’’ sind die sympathischen Jungs im Juni auf Platz 14 der deutschen Albumcharts vorgestoßen. Man kann der Band nur wünschen, dass sie trotz – oder gerade wegen – ihrer nicht leicht konsumierbaren Musik den großen Durchbruch schafft und in der nächsten Zeit in aller Munde ist. Kurz gesagt, ein Besuch der ’’Vom Wissen und Wollen’’-Tour ist Pflicht!

© Fotos von Valentin Krach

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Jonathan Schütz