Livereview: Ghost + Support, Festhalle Frankfurt, 22.04.2022

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Ghost sind eine Konsens-Band wie keine zweite. Das fällt einem insbesondere bei einer Liveshow der Schweden auf, die Goths, Kuttenträger und Menschen mit Corpsepaint gleichermaßen besuchen.

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Hardrock, Pop und Satan stellen dabei die Schnittmenge dar, die Ghost insbesondere seit der Veröffentlichung ihres dritten Albums Meliora 2015 zu einer der größten neueren Rockbands gemacht hat. An diesen drei Faktoren scheint man sich zudem bei der Auswahl der beiden Vorgruppen für die aktuelle Europatour orientiert zu haben. Während Twin Temple eine halbstündige satanistische Messe inszenieren und auch dank des prägnanten Einsatzes eines Saxofons starken Pop-Appeal besitzen, schlagen Uncle Acid & The Deadbeats eher in die Hardrock- respektive Stoner Rock-Kerbe. Als erste Band des Abends verbreiten Twin Temple auch dank eines sympathischen sowie humorvollen Auftretens von Frontfrau Alexandra James eine gute Stimmung. Sie bezeichnet das Publikum nicht nur als „horny and handsome“ und wirft diesem zahlreiche Rosen zu, sondern lässt sich auch zu einer Liebeserklärung hinreißen, bevor sie gemeinsam mit Partner und Gitarrist Zachary James die Messe zu instrumentalem Free-Jazz mit Rotweinkelch und Petruskreuz höchst dramatisch beendet. Eine vergleichbare Dramaturgie ist bei Uncle Acid & The Deadbeats eher Fehlanzeige. Das britische Quartett versteckt sich zu einer düsteren Lichtshow hinter langen Haaren und entwickelt über 40 Minuten eine instrumentale Wucht, was mitunter jedoch etwas einfältig wirkt.

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Der Auftritt von Ghost beginnt pünktlich um 21 Uhr im wahrsten Sinne mit einem Knall: nach dem Impera-Intro Imperium fällt zum Beginn vom Konzert-Opener Kaisarion der riesige, weiße, die Bühne bis dahin verdeckende Vorhang, folgend von einem ersten ohrenbetäubenden Pyrotechnik-Einsatz. Der erste Blick auf das Bühnenbild ist mehr als überwältigend: in der Bühnenmitte thront das gigantische Schlagzeug, eingerahmt von einem riesigen Banner im Hintergrund, das Papa Emeritus IV, aktuelles Alter Ego von Frontmann Tobias Forge, in dreifacher Ausführung in kirchlichem Ambiente zeigt. Während das Geschehen auf der Bühne bei Uncle Acid & The Deadbeats zuvor kaum erkennbar gewesen ist, ist die Show von Ghost stets hell ausgeleuchtet, sodass man auch das Treiben der Nameless Ghouls benannten Band in den hinteren Ecken stets gut beobachten kann. Mit Rats und From The Pinnacle To The Pit gibt es erste Hits, bevor sich Forge im Anschluss an Mary On A Cross das erste von insgesamt drei Malen hinter die Bühne begibt, um sein Outfit zu wechseln. Dazu läuft die Interlude Devil Church, während sich die Gitarre spielenden Ghouls ein belustigendes Duell liefern und das Publikum bei Laune halten.

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Weiter geht es mit Cirice, bevor mit Hunter’s Moon der nächste Impera-Song an der Reihe ist, dem jedoch etwas mehr Action auf der Bühne nicht geschadet hätte. Faith stellt die Heavy-Metal-Schlagseite von Ghost anschließend mehr heraus, bevor es mit Spillways fast schon Abba-esk wird. Ehe sich Forge ein zweites Mal umzieht und mit langem Gewand auf die Bühne zurückkehrt, spielen Ghost mit Ritual den heute einzigen Song vom Debütalbum Opus Eponymous, ausgelassener Tanzeinlage der Hintergrundsänger*innen inklusive. Nach einer weiteren kurzen Unterhaltung seitens der Ghouls-Gitarristen, folgt nach Call Me Little Sunshine mit Year Zero wiederum der für heute einzige Song vom zweiten Album Infestissumam, dessen chorales Intro vom Publikum lautstark mitgesungen wird. Erstmals bildet sich zudem so etwas wie ein kleinerer Moshpit, bevor zum Songfinale zum ersten Mal Feuer auf der Bühne in die Luft schießt. Richtiges Disco-Feeling kommt wiederum im instrumentalen Miasma auf, als Saxofonist Papa Nihil in seinem päpstlichen Gewand in einem Sarg auf die Bühne gerollt wird und mit einer Sonnenbrille bekleidet ein absolut lässiges Solo aufs Parkett legt.

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Fürs Finale zieht sich Forge ein weiteres Mal um und macht nun im blau glitzernden Sakko die Bühne und den dazugehörigen Laufsteg ins Publikum unsicher. Am Ende von Mummy Dust regnet es Konfetti und zu Kiss The Go-Goat wirft Forge seinen Fans Küsschen zu. Den Zugabenblock eröffnen Ghost mit einem gelungenen, wenn auch wenig innovativen und daher etwas überflüssigen Cover von Enter Sandman, zu dem es nach dem Piano-Intro aber wieder ordentlich auf der Bühne knallt. Das furiose Finale leitet hingegen der Superhit Dance Macabre ein, zu dem die Bühne der Festhalle in knallbunten Lichtern erstrahlt, bevor der andere Superhit Square Hammer einen einzelnen Crowdsurfer und sogar einen richtigen Moshpit hervorbringt, bevor nach einem Funkenregen von der Bühnendecke um 22:45 Uhr Schluss ist. Dank einer perfekt durchgeplanten und nicht gerade höhepunktarmen Show sind Ghost ihrer Stellung und ihrem Anspruch als eine der größten Rockbands unserer Zeit mehr als gerecht geworden. Forge und seine Nameless Ghouls klangen live nie besser. Hinter der Maske des Papa Emeritus steckt mit Forge zudem ein reflektierter Künstler, der an diesem Abend die richtigen Worte zur langerwarteten Rückkehr von Konzerten findet, sowie sich bewusst ist, dass es viele Leute hinter den Kulissen benötigt, um solch eine Show auf die Beine zu stellen. Das hätte statt einer wenig gut gefüllten Festhalle ein ausverkauftes Haus verdient. Doch das ist nur eine Frage der Zeit bei dieser Band.

© Fotos von Valentin Krach

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Jonathan Schütz

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