Livereview: Enter Shikari + Trash Boat + Wargasm, Schlachthof Wiesbaden, 13.12.2022

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Zweieinhalb Jahre mussten sich die deutschen Fans von Enter Shikari gedulden, bis sie deren sechstes Album Nothing Is True & Everything Is Possible auf einer vollwertigen Tour live zu hören bekommen. Dass noch immer nicht alles wieder völlig normal ist, zeigt der gut gefüllte Schlachthof, der im Gegensatz zum bislang letzten Auftritt der Briten 2019 dieses Mal jedoch ein gutes Stück davon entfernt ist, ausverkauft zu sein. In Feierstimmung sind Band und Publikum trotzdem.

Wargasm

An diesem eisigen Dienstagabend scheint die Menge vor der Bühne jedoch etwas Aufwärmzeit zu benötigen, denn die von Wargasm-Sänger und -Gitarrist Sam Matlock geforderten Moshpits werden nur bedingt in die Tat umgesetzt. Die Krawallmusik des zusätzlich aus Sängerin und Bassistin Milkie Way bestehenden Duos erinnert stark an Limp Bizkit, passenderweise spielt die Band aus London in einem ihrer Songs kurz Break Stuff an, wobei sich ihr Live-DJ mit Mikrofon in die Menge begibt. Zum finalen Spit. geht schließlich Matlock eine Runde Crowdsurfen.

Trash Boat

Deutlich überzeugender gestaltet sich dagegen der Auftritt von Trash Boat, die ebenso wie Enter Shikari aus St Albans stammen. Die Musik des Quintetts changiert zwischen Pop-Punk und Post-Hardcore, zum Breakdown des zweiten Songs Silence Is Golden setzt Frontmann Tobi Duncan erstmals zum Geschrei an, während das dumpfe Schlagzeug lautstark durch den Schlachthof hallt. Das folgende, an Boston Manor erinnernde Bad Entertainment setzt sich zu einem krachenden Riff mit den Medien und Fake News auseinander, ehe mit Delusions Of Grandeur ein noch unveröffentlichter, neuer Song folgt, der ebenfalls mit einem harten Gitarrenriff sowie einem langgezogenen Schrei von Duncan überzeugt. Der wendet sich anschließend ans Publikum und verkündet das Ende des seriösen und gesellschaftskritischen Teils der Show und dass nun der spaßige Teil komme. Bei Alpha Omega übernimmt das Publikum die „Idiot, you fucking idiot“-Rufe, ehe Bassist James Grayson beim Rap-Part in der Bridge einspringt. Nach Don’t You Feel Amazing? beendet He’s So Good mit einem Nächstenliebe-Statement von Duncan und krachendem Alternative Rock den Auftritt von Trash Boat.

Enter Shikari

Nachdem Enter Shikari ihr Publikum eine knappe halbe Stunde mit einer hervorragend kuratierten Playlist alter Pop-Songs aufheizen, betritt das Quartett gegen 21:30 Uhr unter Fanfaren die Bühne. Nach dem Intro von The Great Unknown schießt erstmals Konfetti aus den beiden Kanonen, dazu öffnet sich der Moshpit, der die folgenden anderthalb Stunden kaum still stehen wird. Das Bühnenbild besteht auf dieser Tour aus kleinen LED-Leinwänden – darauf werden bei zahlreichen Songs die Texte projiziert – auf denen Schlagzeuger Rob Rolfe thront, sowie einer üppigen Anzahl an teils äußerst hell strahlenden Moving Heads und darüber platzierten Leuchtstäben. Beim zweiten Song Destabilise wirft Frontmann Rou Reynolds sein Mikrofon in die Luft und lässt es unsanft auf dem Boden aufklatschen, was zum bis auf den Gesang leider recht matschigen Sound heute Abend passt. Danach bittet der Sänger darum, aufeinander aufzupassen, appelliert an die Liebe und fordert dazu auf, so zu tanzen, als würde niemand hinschauen. Das setzt er beim folgenden Juggernauts direkt selbst in die Tat um und hält den Mikrofonständer auf dem Kopf, während ein von 1884 bis 2021 reichender Zeitstrahl auf den LED-Leinwänden entlangläuft.

Enter Shikari-2

„We’re Apocaholics/ Drinking gin and tonics“ heißt es anschließend in Modern Living…, passenderweise genehmigt sich Reynolds einen Schluck aus seinem mit dem alkoholischen Getränk gefüllten Glas, ehe er sein Mikro in die Menge hält und im Anschluss an den Song erstmals Enter-Shikari-Sprechchöre erklingen. Weiter geht es mit Anaesthesist, den Reynolds allen im Gesundheitswesen arbeitenden Menschen widmet, bevor er ausgelassen über die Bühne tanzt, was ihm die Menge spätestens beim darauffolgenden Reso Remix nachmacht. Satellites widmet er der LGBTQ-Bewegung, bevor die Bühne in Regenbogenfarben erleuchtet und regenbogenfarbenes Konfetti in die Höhe schießt. Für The Pressure’s On geht es visuell in den Wald, ehe für die in diesem Jahr veröffentlichte Single The Void Stares Back noch einmal Sam Matlock und Milkie Way von Wargasm auf die Bühne kommen. Im Vorfeld von Arguing With Thermometers wendet sich Reynolds erneut ans Publikum. Der Song setzt sich mit Menschen auseinander, die den Klimawandel leugnen oder nicht wahrhaben wollen, in den zwölf Jahren seit dessen Veröffentlichung habe sich nichts daran geändert, so der Sänger. „Die Dinosaurier haben den Asteroiden nicht kommen sehen, was ist unsere Ausrede?“, fragt er.

Enter Shikari-3

Das reflektierte Enter-Shikari-Publikum hat darauf im Rahmen eines Konzertes natürlich keine Antwort, dass der Frontmann seinen Fans dennoch etwas zum Nachdenken mit auf den Weg gibt und die gesellschaftskritischen Songtexte damit unterfüttert, ist jedoch eine wichtige Geste. Danach drehen Enter Shikari richtig auf: für Rabble Rouser begibt sich Reynolds zum Front of House und die ganze Menge springt, wie auch im folgenden Sorry, You’re Not A Winner, zu dem brav dreimal geklatscht wird und der Sänger auf den Händen des Publikums den Weg zur Bühne zurück findet. Nach ihrem ältesten Song spielen die Briten mit Bull ihren neuesten und holen überraschenderweise Feature-Gästin Cody Frost dafür auf die Bühne. Mit Gandhi Mate, Ghandi sowie Mothership und Solidarity feuern Enter Shikari zum Abschluss des regulären Konzertteils noch einmal aus allen Rohren und lassen die drei Songs jeweils direkt ineinander übergehen. Die bitter benötigte Ruhepause folgt mit der ersten Zugabe Constellations, die Reynolds mit einer Akustikgitarre allein vorträgt. The Dreamer’s Hotel schraubt das Energielevel wieder nach oben, bevor Live Outside mit abermals Konfetti das Konzert beendet. Vorher genehmigen sich Reynolds und Drummer Rolfe in Antizipation auf dessen Geburtstag am nächsten Tag einen Krug Bier, den zumindest der Schlagzeuger in einem Zug herunterspült, ehe beide lautstark ins Mikro rülpsen. Das haben sie sich in Anbetracht eines energiegeladenen und zumindest visuell berauschenden Konzertes allemal verdient.

© Fotos von Valentin Krach

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Jonathan Schütz

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