Livereview: Daughters + Support, Kesselhaus Wiesbaden, 12.08.2019

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Daughters haben vergangenes Jahr mit You Won’t Get What You Want eines der atmosphärisch dichtesten und zugleich verstörendsten Alben des Jahres veröffentlicht – eine Mixtur, die sich auch live besonders gut macht.

Canine

Canine-Frontmann Benny ist ein echter Scherzkeks. Zwischen den Songs seiner Band lässt sich der Sänger zu zahlreichen Ansagen mit urkomischer Note hinreißen, sei es auf Kosten seines Brillenträger-Wesens, der Tatsache dass seine Band zwei Monate lang keine Show gespielt hat oder einfach nur zur Veralberung konzertüblicher Gesten wie Circlepits oder Mitklatschen. Das lockert die meist eher angespannte Stimmung bei lokalen Support-Bands deutlich auf. Das Frankfurter Quintett weiß dazu aber auch mit seiner Musik zu begeistern. Der Hardcore von Canine pendelt zwischen Sick-Of-It-All-Nostalgie, Converge-Brutalität und leichten Math-Spielereien. Diese Mischung haben die Hessen bislang auf ihr vergangenes Jahr veröffentlichtes Debütalbum Bleak Vision gepresst, neues Material soll bereits noch dieses Jahr folgen.

Daughters 1

Mit einem Instagram-Post am folgenden Tag bringen Daughters die Gerüchteküche um ein erneutes Ende ihrer Band zum Köcheln, nur zwei Stunden später können alle Fans des US-Sextetts beruhigt aufatmen, denn die ,,Annäherung an das Ende“ war lediglich auf den Albumzyklus zu You Won’t Get What You Want bezogen: nach Ablauf des Jahres wollen Daughters mit den Arbeiten am Nachfolger des vierten Albums beginnen. Ein abermaliges Ende der Gruppe wäre aber auch zu schade gewesen, besonders in Hinblick auf die grandiosen Live-Qualitäten der Band.

Daughters 2

Als Daughters gegen 21 Uhr die Bühne des gut gefüllten Kesselhauses betreten, könnte man eine Stecknadel fallen hören, solche Spannung liegt in der Luft. Diese Spannung verwandelt sich ab dem ersten Ton des Openers The Reason They Hate Me in ekstatisches Körperwippen in den ersten Reihen, welches aus den hinteren Reihen betrachtet in der Synthese mit dem dissonanten Soundgeflecht auch wunderbar als Horrorfilm auf der Leinwand flimmern könnte. Der avantgardistische Noise von Daughters alleine würde schon einen guten Soundtrack für den nächsten Schocker abgeben, für die Hauptrolle des Psychopathen kommt nach Betrachtung des Konzertes nur Frontmann Alexis Marshall in Frage. Seinen schwarzen Anzug hat der Sänger bereits nach wenigen Minuten durchgeschwitzt, der Selbstverletzungsgrad steigert sich im Laufe der leider nur 55 Minuten vom Mit-dem-Mikrofon-aufs-Bein-schlagen bis hin zur annähernden Selbsterstickung mit dem Mikrofon. Spätestens wenn Marshall das Mikrofon mit seinem Mund festhält und wie ein geschändeter Hund losjammert, ist das Horrorfilm-Szenario perfekt. Vorher stellt er aber noch die Geduld aller Anwesenden auf die Probe, wenn er das Mikrofon mehrfach an den von der Decke herabhängenden Lautsprecherboxen entlangzieht, bis ein unangenehmes Rauschen entsteht.

Daughters 3

Das mit 11 Minuten knackig-kurze Debütalbum Canada Songs und den Nachfolger Hell Songs sparen Daughters heute Abend komplett aus, vom nach der Band benannten dritten Album gibt es immerhin vier Songs auf die Ohren, während You Won’t Get What You Want bis auf den Opener City Song und The Flammable Man komplett gespielt wird, mit dem epochalen Ocean Song als krönenden Abschluss.

© Fotos von Valentin Krach

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Jonathan Schütz

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