Livereview: Counterfeit + Support, Schlachthof Wiesbaden, 06.11.2019

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Welchen Nutzen hat es, ein neues Album live zu präsentieren, bevor dieses überhaupt erschienen gar angekündigt worden ist? Diese Frage dürfen sich aktuell alle Konzertbesucher einer Counterfeit-Show stellen.

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Die große Halle des Wiesbadener Schlachthofs gleicht heute einer komplett leer gefegten Innenstadt am Sonntag. Während das Konzert der Swing-Gruppe Les Yeux Dla Tête im benachbarten Kesselhaus gleichzeitig ausverkauft ist, strömen in die 2.400 Besucher fassende Halle gerade einmal rund 200 Leute. Das stellt natürlich die Frage, woran das liegen könnte, hat die Band um Schauspieler und Frontmann Jamie Campbell Bower doch erst im vergangenen August Venues wie das Kölner Luxor (Kapazität: 500) ziemlich schnell ausverkauft. Liegt es an der relativ kurzfristigen Tourankündigung Anfang September? Wollen die Fans die Veröffentlichung des zweiten Albums abwarten? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.

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Einen relativ undankbaren Job bekommen heute Vukovi, die das Publikum für den späteren Headliner aufwärmen sollen. Das schottische Duo – bestehend aus Frontfrau Janine Shilstone und Schlagzeuger Hamish Reilly – tritt bei seinen Konzerten immer mit einem wechselnden Live-Gitarristen auf. Trotz des bereits 2017 veröffentlichten und nach der Band benannten Debütalbums hat es Vukovi bislang für keine alleinige Headliner-Tour aufs europäische Festland verschlagen, das soll nach dem Erscheinen des zweiten Albums Fall Better Ende Januar nachgeholt werden. Aus der neuen Platte finden heute mit All That CandyBehave und C.L.A.U.D.I.A alle drei bislang veröffentlichten Singles einen Platz auf der Setlist, ergänzt von AnimalColour Me In und La Di Da vom Debütalbum. Aufgrund der leeren Halle wirkt der Sound etwas blechern, das Trio holt dagegen noch das Beste aus diesem Umstand heraus. Vor allem Shilstone lässt sich von den unglücklichen Begleitumständen nicht aus dem Konzept bringen und zeigt sich publikumsnah und humorvoll. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Flagge der Non-Profit-Organisation Viva con Agua ein, die es Shilstone besonders angetan hat.

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Das Bühnenbetreten von Counterfeit ist mit starkem Kreischen des Publikums verbunden, was natürlich nicht der Musik, sondern der Schauspieler-Vita von Jamie Campbell Bower geschuldet ist. Der 30-Jährige spielte in Sagen wie TwilightHarry Potter oder Chroniken der Unterwelt mit, die Band habe er gegründet, um seiner Wut freien Lauf zu lassen und um seine Drogenabhängigkeit in den Griff zu kriegen, erzählt er im Verlauf des Konzertes. Und in der Tat ist die Musik des Quintetts größtenteils zu hart, um im Formatradio zu laufen, was sich nach der Analyse der acht live gespielten neuen Songs nicht geändert hat. Der Opener Paralysed erinnert in den Strophen an Placebo und New Insane besitzt sogar einen leichten Korn-Touch, während Lack Of Oxygen so etwas wie die Quoten-Ballade darstellt. Alive ist geradliniger Alternative Rock, in Get Out verarbeitet Bower seine Drogenvergangenheit und 11:44 richtet sich gegen den Kapitalismus. Zwischen all diesen neuen Songs findet sich mit You Can’t Rely immerhin ein alter Song und mit Jumpsuit ein überraschendes, aber gelungenes Twenty-One-Pilots-Cover.

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Bower geht in seinem Dasein als Rockstar voll auf und performt, als stünden keine 200, sondern 20.000 Leute vor der Bühne. Vor der bereits veröffentlichten Mental-Health-Awareness-Hymne It Gets Better hält Bower ein Plädoyer, gemeinsam stark zu sein und gegen die inneren Dämonen anzukämpfen. Anschließend kommt endlich so etwas wie Stimmung auf, wenn zahlreiche Fans zusammen im Kreis tanzen und die Message des Songs verinnerlichen und nach außen tragen. Danach folgt leider nur noch Enough vom Debütalbum Together We Are Stronger, das sogar einen um Gitarrist Sam Bower kreisenden Circlepit evoziert. Mit seinem Wunsch, die Band lasse noch ein paar alte Songs folgen, ist man anschließend wohl nicht alleine, doch nach kurzen 50 Minuten ist bereits Schluss. Festzuhalten bleibt, dass Counterfeit ein gutes zweites Album in den Startlöchern haben und zukünftige Auftritte gerne etwas länger gestalten können. Vielleicht strömen dann ja auch wieder mehr Besucher zu den Konzerten der Band.

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© Fotos von Valentin Krach

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Jonathan Schütz

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