Livereview: Billy Talent + Johnossi + Pabst, Festhalle Frankfurt, 25.11.2022

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Die Show in der prall gefüllten Frankfurter Festhalle ist für Billy Talent nicht nur der Auftakt zur ersten richtigen Deutschland-Tour seit 2016, sondern auch das erste eigene Konzert in Deutschland seit mehr als vier Jahren. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß eines der besten Konzerte des Jahres, das zugleich einen persönlicheren Bericht verdient, als es normalerweise an dieser Stelle der Fall wäre.

Pabst Frankfurt 2022

Den Opener auf der Tour geben Pabst aus Berlin. Schön, dass das Trio endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die es bereits mit dem Debütalbum Chlorine (2018) verdient gehabt hätte. Seitdem sind mit Deuce Ex Machina (2020) und Crushed By The Weight Of The World (2022) zwei weitere tolle Platten mit 90er-Sound und -Ästhetik erschienen, mit denen sich Pabst als Bank des englischsprachigen Alternative-Indie-Grunge-Rock etabliert haben. Das klingt live noch druckvoller als auf Platte, Band als auch Publikum benötigen heute jedoch etwas Anlaufzeit, um warm zu werden. Das Hinsetzen und Aufspringen im vierten Song Mercy Stroke funktioniert nur halb, deutlich besser gelingt dagegen drei Songs später die gleich doppelte Wall Of Death in Skinwalker. Zum abschließenden Sixpence-None-The-Richer-Cover Kiss Me erklingen schließlich erste Singalongs in der rosa beleuchteten Festhalle.

Johnossi Frankfurt 2022

Weiter geht es mit Johnossi, die nur heute sowie morgen in Freiburg als Support dabei sind und Frank Turner & The Sleeping Souls ersetzen, da der britische Singer/Songwriter und seine Begleitband bereits als Special Guest beim Grand Münster Slam Wochenende der Donots gebucht waren. Das eigentlich nur aus Sänger und Gitarrist John Engelbert sowie Schlagzeuger Oskar „Ossi“ Bonde bestehende Duo wird live von Keyboarder Mattias Franzén ergänzt. Im Vergleich zu den etwas schüchtern auftretenden Pabst merkt man den Schweden ihre bald 20-jährige Bühnenerfahrung an, gleichzeitig wirkt ihr Auftritt etwas distanzierter. Musikalisch überzeugen Johnossi dagegen ebenfalls mit ihrem Mitte der 2000er-Jahre angesiedelten Indierock, der zwischen Kings Of Leon und Mando Diao changiert. Mit Man Must Dance haben die Skandinavier zudem einen Hit der 00er-Indie-Disco im Backkatalog, der im Vergleich zum Rest der Setlist aber gar nicht mal so stark heraussticht, weil auch die restlichen Songs überzeugen.

Billy Talent Frankfurt 2022_2

Fast genau 13 Jahre ist es her, dass Billy Talent erstmals in der Frankfurter Festhalle aufgetreten sind. Das war für mich mit meinen damals zwölf Jahren zugleich das erste Rockkonzert, für dessen Energielevel und riesige Moshpits ich eigentlich noch deutlich zu jung war. Das hat mich jedoch nicht davon abgehalten, über die Jahre weitere Konzerte zu besuchen: Green Day, Linkin Park, Thirty Seconds To Mars und viele weitere. Doch keine dieser weltbekannten Bands hat es geschafft, mit ihren Konzerten ein trotz dieser enormen Größenverhältnisse so persönliches Band zwischen sich und ihr Publikum zu spannen, wie es Billy Talent spätestens mit ihrem legendären Auftritt bei Rock am Ring 2016 gelungen ist. Die zweite Ausgabe des Festivals auf dem Flugplatz Mendig war das gesamte Wochenende über von schlimmen Unwettern heimgesucht, stand wohl mehrfach vor dem vorzeitigen Ende und wurde samstags nachts im Anschluss an die Show der Kanadier auch schließlich abgebrochen. Zuvor machten Billy Talent jedoch nicht nur den lahmen Auftritt der Red Hot Chili Peppers wett, sondern haben die gesamte Kraft von Livemusik beschworen und all die Nässe, den Schlamm und die Enttäuschung über abgesagte Festivalauftritte anderer Bands vergessen lassen. Einen ähnlich fantastischen Auftritt hat das Quartett zudem dieses Jahr bei der Rückkehr der Zwillingsfestivals Rock am Ring und Rock im Park hingelegt und bei Letzterem als krönender Abschluss des ersten Festivaltages wie keine zweite Band offenbart, was wir alle zwei Jahre lang vermisst hatten. Konzerte von Billy Talent sind immer etwas Besonderes, egal ob man sie nun zum ersten oder zum x-ten Mal live sieht. Das gilt auch für die heutige Show.

Billy Talent Frankfurt 2022_1

Die wird von einer Kamera- und Soundcrew gefilmt und aufgezeichnet und es scheint, als hätte dieser Umstand dem Publikum zusätzliche Motivation zum Ausrasten ab der ersten Sekunde gegeben. Billy Talent liefern jedoch auch einen Anlass dafür und eröffnen standesgemäß mit Devil In A Midnight Mass, dessen ikonisches Gitarrenriff zugleich einen der allerbesten Konzertopener überhaupt darstellt. Weiter geht es mit This Suffering sowie I Beg To Differ (This Will Get Better) vom neuen Album Crisis Of Faith, der sich bereits im Sommer hervorragend zwischen den alten Songs eingefügt hat. Mit Perfect World und Pins And Needles gibt es recht früh zudem zwei Fanfavoriten des zweiten Albums, die Billy Talent inzwischen nicht mehr so häufig live spielen. Wenig verwunderlich also, dass der Boden der Festhalle bereits nach wenigen Songs schon vor Schweiß klebt. Im ersten Konzertdrittel wendet sich Sänger Benjamin Kowalewicz etwas ausführlicher an das Publikum und plädiert mit einer leidenschaftlichen Rede für mehr Liebe, als müsste er das auf seinem Shirt prangende weiße Herz noch mit Farbe ausmalen. Die Message scheint aber anzukommen: trotz insbesondere am Konzertende riesiger und energiegeladener Moshpits wirken diese niemals überhart und es wird aufeinander Acht gegeben.

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Das ist ein Wert, den Billy Talent seit ihren Anfangstagen verfolgen. Seit Jahren veranstalten sie in ihrer kanadischen Heimat ein jährliches Benefiz-Konzert, das Spenden für an Multiple Sklerose Erkrankte sammelt, was der Band ein persönliches Anliegen ist, da Schlagzeuger Aaron Solowoniuk seit den 1990er-Jahren unter der Autoimmunerkrankung leidet. Solowoniuk hat zudem die Stiftung F.U.MS ins Leben gerufen, für die Billy Talent hierzulande im Wiesbadener Schlachthof im August 2018 ein Benefiz-Konzert gespielt hatten. Für die Konzerte dieser Tour haben Billy Talent jeweils individuelle Konzertposter gestalten lassen, von deren Erlöse ein Teil an die Organisation War Child gespendet wird, die sich für Kinder einsetzt, die in Kriegsgebieten aufwachsen. Zum Großteil spielen Billy Talent eine ähnliche Setlist wie bei ihren Auftritten bei Rock am Ring und Rock im Park, anstelle des 99-Sekunden-Arschtritts Judged gibt es von Crisis Of Faith den Ohrwurm Hanging Out With All The Wrong People sowie die Ballade The Wolf, zu der die Festhalle von tausenden Handylichtern hell erleuchtet wird. Überraschenderweise fehlt jedoch This Is How It Goes auf der ansonsten perfekten Setlist. Die sieht nach Fallen Leaves und Devil On My Shoulder eigentlich vor, dass Billy Talent für die Zugaben Viking Death March und Red Flag kurz die Bühne verlassen, die Band bleibt jedoch lieber an Ort und Stelle und kündigt stattdessen mit dem Wechsel des Bühnenbanners das Finale an. Anstelle des Albumcovers von Crisis Of Faith ziert nun ein Oldschool-Schriftzug des Bandnamens den Bühnenhintergrund, eigentlich könnten Billy Talent aber auch auf jegliches Bühnenbild verzichten, denn ihre zeitlosen Hymnen allein reichen schon aus, um die Stimmung im Publikum für 95 kurzweilige Minuten auf ein Maximum zu heben. Trotz der riesigen Größe dieses Konzertes wirkt der Auftritt der sympathischen Band persönlich, was sich auch im Miteinander im Zuschauerraum niederschlägt. All das macht dieses Konzert zu einem der besten des Jahres. Das liegt auch daran, dass Kowalewicz stimmlich selten besser geklungen hat und die Band das Maximale aus der oft sehr hallenden Akustik in der Festhalle herausholt. Ein besseres Konzert für ein mögliches Livealbum hätten sich Billy Talent nicht aussuchen können.

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Jonathan Schütz

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