Interview mit Feine Sahne Fischfilet

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Feine Sahne Fischfilet veröffentlichen am 12. Januar ihr neues Album “Sturm & Dreck“. Die Politpunks aus Mecklenburg-Vorpommern schaffen auf ihrer fünften Platte erneut den Spagat zwischen angriffslustiger Gesellschaftskritik, Festivalhymnen und melancholischen Oden an die Heimat. Wir haben uns mit Gitarrist und Sänger Christoph Sell über ihr neues Werk, die deutsche Punk-Szene und die kommende Festivalsaison unterhalten.

Shout Loud: Ihr seid im Dezember bei den Toten Hosen für einige Shows im Vorprogramm aufgetreten. Wie war das für euch?

Christoph: Für uns war das erstmal krass, mit der Musik sind wir aufgewachsen, das hat uns direkt beeinflusst, als wir 13 oder 14 waren. Als sie uns das angeboten haben, haben wir darin eine riesige Chance für uns gesehen. Die 30 Minuten langen Spielzeiten haben total Spaß gemacht, da musst du halt sofort da sein. Einen Monat vor dem Albumrelease so große Werbung machen zu können, war auf jeden Fall sehr gut. Das war wirklich wichtig für uns und so konnten wir die Hosen auch näher kennenlernen. Vor allem aber konnten wir die Werbetrommel ordentlich rühren.

SL: Werdet ihr die Support-Gigs jetzt erstmal komplett einstellen und nur noch eigene Konzerte und Touren spielen?

Christoph: Würden Die Toten Hosen uns erneut fragen, würden wir das nochmal machen, aber die Tour zum neuen Album mit Spielzeiten von 90 Minuten und die Festivals im Sommer haben jetzt erstmal Vorrang.

SL: An eurem neuen Album “Sturm & Dreck“ habt ihr relativ geheim gearbeitet. Wann habt ihr denn die Arbeiten für das Album aufgenommen?

Christoph: Vor anderthalb Jahren haben wir sehr viel geprobt und neue Sachen entwickelt. Vor einem Jahr wurde es dann konkreter und wir haben uns im Frühjahr auf Tobias Kuhn als Produzenten festgelegt. Tobi meinte, dass wir „hier und da“ noch was machen können, die Richtung sah aber schon sehr gut aus. Im Juni sind wir dann in Berlin-Kreuzberg ins Studio gegangen. Unter der Woche haben wir das neue Album aufgenommen und am Wochenende haben wir dann Festivals gespielt. Wir sind eine Band, die sich viel vornimmt und so haben wir gleichzeitig Werbung für unsere “Noch nicht komplett im Arsch“-Kampagne gemacht, die zum Zusammenhalt gegen den Rechtsruck der Gesellschaft auffordert.

SL: Andere Bands wie Kraftklub haben sich für mehr als ein Jahr von der Bildfläche verabschiedet, um an neuem Material zu arbeiten. Ihr habt hingegen im Sommer zahlreiche Festivals bespielt. Habt ihr nicht Angst, dass die Leute übersättigt werden von Feine Sahne Fischfilet?

Christoph: Das ist bei uns nicht der Fall, wir nehmen uns einerseits Zeit für uns, teilweise studieren wir noch und irgendwie funktioniert das auch. Vielleicht können wir uns von anderen Bands noch eine Scheibe abschneiden, aber momentan geht das gut und mittlerweile können wir auch davon leben und Miete bezahlen. Ich hoffe nicht, dass die Leute uns satthaben, aber man muss sich auch mal Ruhepausen gönnen und das haben wir gemacht. Mit “Bleiben oder Gehen“ sind wir lange getourt, dann kam das Theaterstück “Feuerherz“ in Rostock. Das waren 20 Vorstellungen, die allesamt super waren, aber die sind uns ein bisschen ins Gehege gekommen, was den Zeitplan betrifft. Dafür haben wir insgesamt fünf Songs geschrieben, die Songs für das Stück und die für das Album vorgesehenen konnten wir aber noch trennen.

SL: Mit “Zurück in unserer Stadt“, “Alles auf Rausch“ und “Zuhause“ habt ihr drei Albumvorboten veröffentlicht. Warum genau diese Songs?

Christoph: Wir finden alle zwölf Songs cool und haben eine Menge Arbeit in alle gesteckt und es war gar nicht so einfach das zu entscheiden und ein kleines Luxusproblem. “Zurück in unserer Stadt“ ist in den Strophen etwas gefährlicher und geht im Refrain ein wenig zur Saufhymne auf und “Alles auf Rausch“ ist natürlich Namensgeber der Tour und schlägt ein wenig in dieselbe Kerbe. “Zuhause“ kam uns am geeignetsten für die Veröffentlichungswoche vor, weil der Song anders und tiefsinniger ist und somit einen guten Kontrast darstellt. Dieses Jahr werden aber noch weitere Auskopplungen kommen und da werden wir mit Sicherheit wieder heiß diskutieren.

SL: Das Video zu “Zuhause“ ist erst heute erschienen und erzählt die Geschichte von einigen Personen und deren jeweiligen Zuhause. Wie habt ihr die Leute für das Video ausgewählt?

Christoph: Das Video hat Aaron Krause mit seinen Assistenten gedreht, wie auch die Clips zu “Wut“ und “Warten auf das Meer“. Wir schätzen uns sehr und arbeiten gerne zusammen. Als wir uns über Möglichkeiten für das Video unterhalten haben, fanden wir die Idee des Dokumentarischen toll. Die verschiedenen Ebenen der Personen sollen verbinden, aber auch aufrütteln. Wichtig war uns auch der Kontrast zwischen denen, die mit einem warmen Tee glücklich sind und den Menschen, die aus Kriegsgebieten geflüchtet sind, auf der Straße leben oder im Knast sind. Es geht nicht um das was die Menschen getan haben, sondern wie sie wohnen und wie sie zuhause sind. Wir haben wirklich geschaut, dass es verschiedene Geschichten sind, teilweise auch ohne zuhause und dass die Menschen respektvoll und nicht wertend gezeigt werden. Teilweise kannten wir die Leute, teilweise hat Aaron sie gefunden.

SL: Auf dem Album gibt es auch einen Song mit dem Titel “Ich mag kein Alkohol“, in “Zurück in unserer Stadt“ heißt es dagegen “Mit zwei Promille durch die Nachbarschaft“. Ist das nicht widersprüchlich?

Christoph: Ja, und das soll es auch sein. Das Albumgrundgefühl soll trotz der schwierigen Zeiten positiv sein. Wir sind hedonistisch und das letzte Album ist ein bisschen düster geworden. “Ich mag kein Alkohol“ hat Monchi geschrieben und er trinkt Alkohol nur bei Partys, um besoffen zu sein. Der Song ist eine persönliche Geschichte von ihm und spiegelt den Gedanken „Ich feiere die ganze Zeit, aber geht es mir überhaupt gut?“ wieder. Das Leben ist eben nicht schwarz-weiß, wir feiern auch mal, aber sind auch gerne nüchtern. Das Leben hat verschiedene Facetten und es ist uns wichtig, das auch so rüberzubringen.

SL: Habt ihr euch vor dem Beginn der Arbeiten an “Sturm & Dreck“ hingesetzt und festgelegt, worüber ihr singen wollt, oder ist das mit der Zeit von alleine gekommen?

Christoph: Das ist mit der Zeit gekommen, Monchi und ich teilen uns die Arbeit und wir gucken über die anderen Texte auch drüber. Mit unserem Trompeter Jacobus (North) habe ich aber auch schon Songs geschrieben, jeder hat da ein Mitspracherecht. Ein übergreifendes Konzept gibt es nicht, das sind alles Geschichten, die wir erlebt haben. Wir singen darüber, weil wir authentisch sein wollen. Erst als wir acht oder neun Texte zusammen hatten, konnten wir uns auf einen Albumtitel festlegen. “Sturm & Dreck“ spiegelt die Aspekte des Albums gut wieder und passt auch zur aktuellen Zeit. Im Vorfeld planen wir aber nichts. Auch dieses Mal gibt es wieder fröhliche und traurige Songs, das ist einfach ein Prozess.

SL: In diesem Sommer stehen für euch auch wieder einige Festivals auf der Agenda. Auf welche freust du dich denn besonders?

Christoph: Ich freue mich auf das ganze Jahr und auch auf den Festivalsommer. Ich kann da ehrlich gesagt keine Abstufungen machen, das Kosmonaut Festival mag ich total und auf das Hurricane freue ich mich auch sehr. Unser erstes Mal auf dem Open Air St. Gallen wird bestimmt auch geil, das kann man alles nicht gegeneinander aufwiegen. Wir werden aber auch auf kleineren Festivals spielen, das ist uns auch wichtig, weil wir von dort kommen.

SL: Sowohl auf “Scheitern & Verstehen“ als auch “Bleiben oder gehen“ hattet ihr Gäste auf dem Album. Warum dieses Mal nicht?

Christoph: Das ist einfach so entstanden. Wir haben das Album geschrieben, aber uns ist kein Gast eingefallen. Ich hatte aber schon länger das Gefühl, dass ein Album ohne Gäste vollkommen ausreicht.

SL: Wie schätzt du denn die deutsche Punk-Szene im Allgemeinen ein, gerade auch im Hinblick auf die schwierige politische Lage?

Christoph: Ich mag die deutsche Punk-Szene sehr, obwohl sich einige Bands wahrscheinlich nicht in diese Schublade schieben würden, aber es gibt viele Bands, die ich höre und toll finde. Es ist toll, wie die Punk-Szene mit der aktuellen politischen Lage umgeht. Wir versuchen auch gegen den Rechtsruck vorzugehen und ich wünsche mir da von anderen Bands mehr, wir haben aber die Plattform dazu, andere Bands leider nicht. In der Punk-Szene gibt es jede Menge gute Musik, die verbindet, Kraft gibt und motiviert, es geht aber noch mehr und es muss auch noch mehr gehen, vor allem jetzt, ich weiß aber auch nicht konkret wie. Diese Szene macht aber auch ihr Ding für sich, wichtiger fände ich, wenn sich große Bands dazu positionieren würden. Ich verstehe es zwar, wenn diese das nicht tun, weil es nicht ihre Art ist, aber wenn mehr Bands wie AnnenMayKantereit, die ich großartig finde, bei ihren Konzerten zum Beispiel Plakate von unserer Kampagne aufhängen würden, hilft das schon total. Davon wünsche ich mir mehr, kleine Sachen helfen da schon. Vor allem die großen Bands müssen mehr machen.

Feine Sahne Fischfilet kommen im Februar und März auf große Deutschlandtour. Karten gibt es bei Eventim.
Termine:
01.02. Linz (AT), Posthof
02.02. Wien (AT), Arena
03.02. Graz (AT), PPC
09.02. Leipzig, Haus Auensee
10.02. Hamburg, Inselparkhalle
15.02. Fürth, Stadthalle
16.02. München, Tonhalle
17.02. Wiesbaden, Schlachthof AUSVERKAUFT
22.02. Osnabrück, Hyde Park
23.02. Heidelberg, Halle02
24.02. Zürich (CH), Dynamo
01.03. Magdeburg, AMO
02.03. Saarbrücken, Garage
03.03. Dortmund, Phoenixhalle
08.03. Stuttgart, Im Wizemann
09.03. Köln, Palladium
10.03. Erfurt, Stadtgarten AUSVERKAUFT
16.03. Berlin, Columbiahalle (Zusatzkonzert)
17.03. Berlin, Columbiahalle AUSVERKAUFT
23.03. Rostock, Stadthalle

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Jonathan Schütz

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