The Hirsch Effekt-Sänger Nils Wittrock im Interview über Corona, das neue Album “Kollaps”, die „Fridays for Future“-Bewegung und Greta Thunberg

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Kollaps – ein Begriff, der in der aktuellen Corona-Krise eine zentrale Rolle spielt, soll doch durch strikte Maßnahmen wie das Veranstaltungsverbot und die Kontaktsperre eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden. Im Kontext von The Hirsch Effekt und dem gleichnamigen fünften Album des Hannoveraner Artcore-Trios spielt der Begriff dagegen auf die sich anbahnende Klimakatastrophe an. Wir haben mit Frontmann Nils Wittrock über seine persönlichen Erfahrungen mit der Klimaschutzorganisation „Fridays for Future“, den Personenkult um Greta Thunberg, das Auto, rechte Hetze und die Corona-Krise gesprochen.

Nils, wie geht es dir gerade und wie nutzt du aktuell die frei gewordene Zeit durch die zwangsläufige Verschiebung eurer für diesen Mai geplanten Tour?

Mir geht’s jetzt nicht schlecht und da ich ja eigentlich neben der Band noch Gitarre unterrichte, was ich zurzeit nur per Skype praktizieren kann, habe ich aktuell viel Zeit. Das fühlt sich allerdings nicht so an, als hätte ich viel Freizeit. Ich musste – auch bei The Hirsch Effekt – ganz viel umstrukturieren und wir haben uns ersatzweise bemüht, andere Dinge auf die Beine zu stellen. Das Komische an der aktuellen Zeit, was irgendwie mehreren Leuten so geht, ist, dass man den ganzen Tag Dinge zu tun hat, aber am Ende des Tages nicht das Gefühl hat, weitergekommen zu sein. Das Ganze fühlt sich an wie eine Zwischensituation und man kommt einfach nicht so richtig voran. Dennoch ist man damit beschäftigt, sich mit dieser Situation zu befassen und Sachen zu regeln, die sich durch die gegebene Lage geändert haben. Für The Hirsch Effekt habe ich zum Beispiel das Lyric-Video zu Torka gemacht und mich neuerdings mit Siebdruck beschäftigt. Damit haben wir jetzt eine neue DIY-Kollektion zum neuen Album mit einfarbigen, selbstgemachten Siebdruck-Shirts gestartet, was wir normalerweise wohl jetzt noch nicht gemacht hätten. Am 1. Juni werden wir zudem mit dem Crowdfunding für eine neue EP starten, die über den Sommer entstehen und dann zur Tour, die hoffentlich im Oktober und November über die Bühne geht, erscheinen soll.

Wird die EP an euer neues Album Kollaps anschließen oder handelt es sich dabei um ein eigenständiges Projekt?

Wir haben im Februar eine Session mit Tony Williams von der Hannoveraner Band Hagelslag gemacht, die wir eigentlich schon für die Album-Promo nutzen wollten, die aber jetzt erst am 1. Juni erscheinen wird. Hagelslag arrangieren eigentlich Songs von Solo-Künstlern in Bandbesetzung in einem Jazz-Punk-Style neu, nehmen teilweise aber auch klassische Musikinstrumente dazu. Da wir ja aber schon selbst eine Band sind, wurde bei uns der Punk- als auch der Band-Aspekt außen vorgelassen und stattdessen hat Tony unseren Song Kollaps in einer kompletten Klassik-Besetzung mit Chor, Streichern und Bläsern neu arrangiert. Wir waren mit dem Kamerateam an die 30 Leute am Set. Diese Session hat uns so beeindruckt, weil sowohl die Musiker*inenn als auch die Techniker*innen und die Leute hinter der Kamera das aus freien Stücken gemacht haben und allesamt aus Hannover kommen und dort wohnen. Das Team macht diese Session einmal im Monat und niemand kennt das, das läuft völlig unter dem Radar, obwohl es qualitativ unglaublich hochwertig ist. Die ganzen Musiker*innen sind natürlich auch von der Corona-Krise betroffen und deshalb haben wir beschlossen, einfach eine ganze EP zusammen zu machen und diese per Crowdfunding zu finanzieren. Auf dieser EP wird dann die aufgenommene Version vom Song Kollaps, ein weiterer neu arrangierter Song von Kollaps als auch ein komplett neuer Song von uns enthalten sein. Je nachdem wie viel Geld bei dem Crowdfunding zusammenkommt, lassen wir vielleicht auch noch einen Song von Eskapist neu arrangieren.

Dass eure verschobene Tour im Oktober und November stattfinden kann, steht aktuell noch in den Sternen, da das Veranstaltungsverbot bislang nur bis zum 31. August gilt. Wie gehst du mit dieser fehlenden Gewissheit um?

Als wir uns Ende März dazu entschieden haben, die Mai-Tour zu verschieben, gab es dafür ja noch keine hundertprozentige Gewissheit, dass die Tour auf gar keinen Fall stattfinden kann. Ein paar Wochen später gibt es ja jetzt schon erste Stimmen, die sagen, dass dieses Jahr gar keine Konzerte mehr stattfinden werden. Es verschiebt sich ja alles nur weiter nach hinten. Es gab ja dieses verrückte Video von der YouTuberin maiLab, die gesagt hat, ‚Konzerte in diesem Jahr, vergesst es‘, was ja ziemlich große Wellen geschlagen hat. Wir machen uns darüber natürlich auch Gedanken, aber wir planen jetzt Stück für Stück und gehen davon aus, dass die Tour im Herbst stattfindet. Wir machen ein Album ja auch in erster Linie, um damit auf Tour zu gehen, weil wir vor allem gerne Konzerte spielen. Motivationstechnisch wäre es auch äußerst niederschmetternd, wenn am Ende ein Jahr zwischen dem Album-Release und der ersten Tour mit der neuen Platte liegen würde. Wenn wir im Oktober erfahren sollten, dass die Tour erneut nicht möglich sei oder das sogar selbst beschließen, dann wäre ja auch der Zeitraum zum Februar und März, in dem der zweite, noch nicht angekündigte Teil der Tour stattfinden soll, nicht mehr so lang. Da bin ich mir relativ sicher, dass wir das irgendwie machen werden und ich hoffe natürlich, dass wir auch im Oktober und November spielen können. Die nächste Frage wäre aber, was eigentlich mit den ganzen Clubs passiert, wenn solange keine Konzerte stattfinden können, sind die dann nächstes Jahr überhaupt noch da?

Einige Clubs wie der Schlachthof Wiesbaden haben ja bereits Spendenkampagnen gestartet, was aber natürlich nur der Anfang sein kann und über einen Zeitraum von mehreren Monaten oder gar einem Jahr nicht ausreichen wird…

Die Crowdfunding-Plattform Startnext nutzen wir demnächst zum vierten Mal und ich sehe da aktuell nur Corona-Crowdfunding-Kampagnen. Man muss ja auch bedenken, dass die Menschen, die da aktuell spenden, irgendwann nichts mehr übrighaben. Das zieht sich ja irgendwann durch alle Kreise. Ich dachte Mitte März auch, dass diese Corona-Krise für ein oder zwei Monate anhält und der Schrecken dann wieder vorbei ist, weswegen ich auch keine Hilfemaßnahmen in Anspruch genommen habe. Nach den Osterferien musste ich dann allerdings feststellen, dass es nichts mehr gibt, was für meine Verdienstausfälle auskommt, sondern nur Betriebskosten decken würde, die ich aber nicht habe.

Ihr seid als Band ja auch auf Patreon, wo ihr monatlich ungefähr 800 Dollar von euren Fans bekommt, um eure Bandausgaben zu decken. Wie weit hilft euch das aktuell durch die Corona-Krise?

Patreon ist natürlich ein großer Luxus und nicht viele Bands in unserer Größenordnung haben so eine treue und spendable Fangemeinde. Davon finanzieren wir unseren Proberaum und am Ende bleiben noch weniger als 200€ für jeden von uns übrig, was schon mal ganz cool ist, dafür, dass wir aktuell keine Konzerte spielen. Wir haben aber noch jeweils andere Jobs, was sich momentan bei jedem unterschiedlich schwierig gestaltet wie bei mir mit dem Gitarrenunterrichten. Moritz [Schmidt, Schlagzeuger] macht gerade seine Doktorarbeit, wofür er eh mehr oder weniger alleine im Labor arbeitet, was aktuell auch ganz normal weiterläuft. Ilja [Lappin, Bassist] ist ja neben The Hirsch Effekt vor allem als Session-Musiker unterwegs, was natürlich jetzt alles ausgefallen ist. Er hat sich aber relativ früh um Hilfen vom Land bemüht und kommt damit auch erstmal über die Runden. Ein bisschen was an Einnahmen kommt jetzt gerade aber auch über unseren Band-Shop durch den Album-Release rein. Irgendwie geht das schon. Aktuell macht sich keiner von uns Sorgen, dass er den Kühlschrank nicht füllen kann, was auch vielen Leuten aus meinem Umfeld so geht, die aktuell in Kurzarbeit sind oder denen die Bonuszahlungen und das Urlaubsgeld gestrichen und bei denen teilweise auch Kollegen entlassen worden sind. Da gibt es einige Personen, die gerade erst einen neuen Job begonnen haben und bei dem Berufseinstieg nun abrupt gestoppt werden und wieder zwei Schritte zurückgehen müssen. Das ist natürlich ein dummes Gefühl, wenn man in seinen Mittdreißigern feststellt, dass man karrieretechnisch, aber auch was die Altersvorsorge angeht, einen großen Rückschritt machen muss. Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie ich das auffassen soll. Man kann sich ja auch aktuell nirgendwo anders bewerben oder etwas Neues starten, das ist ja alles nicht wirklich möglich. Ich hatte für mich persönlich auch anfangs überlegt, den Gitarrenunterricht komplett zu streichen, weil mir die Skype-Variante überhaupt nicht zusagt, bis mir dann klar geworden ist, dass ich überhaupt keine Alternativen dazu habe und froh sein sollte, mir dadurch noch ein paar Euro im Monat dazu verdienen zu können.

Für den ganzen Musiksektor ist die aktuelle Zeit durch die verschobenen Touren, Festivals und teilweise auch Albumveröffentlichungen ein enormer Stillstand.

Ich finde, dass wir gar nicht so betroffen sind im Gegensatz zu anderen Branchen, was ich in meinem Bekanntenkreis so mitbekomme. Da mussten Festangestellte teilweise zu 50% in Kurzarbeit gehen, was sich jetzt teilweise noch gesteigert hat. Für die Leute reicht es natürlich noch zum Überleben aus, aber die wollten in ihrem Leben auch noch irgendwie weiterkommen. Für viele ist das dann kein Stillstand mehr, sondern schon ein krasser Rückschritt. Die Soziologin Jutta Allmendinger, die am vergangenen Sonntag bei Anne Will zu Gast war, geht davon aus, dass uns die Corona-Krise gesellschaftlich 30 Jahre zurückwirft. Das ist eine unglaubliche These, aber ihr zufolge sind Kinder ohne Lobby, Alleinerziehende und Frauen generell am Meisten davon betroffen und sechs Wochen Schulausfall seien in bildungsärmeren Milieus gar nicht wieder aufzufangen und würden sich bis zum Schulausfall durchziehen. Diese Kinder verliere man in der aktuellen Krise. Das geht an dieser Stelle aber jetzt schon zu weit, lass uns das Thema Corona abhaken [lacht].

Eine Frage hätte ich zu dem Thema allerdings noch: Warum habt ihr im Gegensatz zu vielen anderen Künstler*innen und Bands an dem geplanten Veröffentlichungstermin von Kollaps festgehalten?

Das haben wir uns auch zwischendurch immer mal wieder gefragt. Irgendwann war einfach die ganze Promo für die Platte schon so weit angeschoben. Vielleicht hätten wir das Album auch verschieben sollen. Wir haben natürlich gedacht, dass die Leute jetzt gerade Zeit haben, um Musik zu hören. Jetzt stellen wir allerdings fest, dass die Verkäufe krass zurückgehen, auch für die Fan Box von Kollaps. Sonst war immer lange im Vorfeld unsere Box zur jeweiligen Platte ausverkauft, was jetzt überhaupt nicht der Fall ist. Dafür gibt es aber auch einige tolle Promo-Geschichten zum Album, wie unsere Titelstory im Visions Magazin, was natürlich auch dazu geführt hat, das Album nicht zu verschieben. Andererseits ist das Album noch gar nicht erschienen, aufgrund der aktuellen Situation fühlt es sich aber so an, als sei die Sache schon abgehakt, weil die Tour nicht wie geplant stattfindet. So ein Album manifestiert sich ja vor allem dann an der Release-Tour und dass man die neuen Songs live spielt. Wir spielen ja auch nicht jeden Abend eine andere Setlist, so etwas planen wir immer lange im Voraus. Unsere Vorbereitungen für die Tour waren alle schon fertig, ich hatte nächtelang das Licht für die Konzerte programmiert und geprobt hatten wir das neue Material auch schon, weil Ilja unmittelbar vor unserer Tour eigentlich mit einem anderen Act unterwegs gewesen wäre, was jetzt natürlich auch ausfällt. Über diesen ganzen Release legt sich einfach ein Schleier der Sinnlosigkeit. Wir hatten auch unsere Musikvideos zum Album viel weiter im Voraus geplant, weil Ilja beruflich eigentlich so stark eingespannt gewesen wäre. Diese ganze Planung ist jetzt komplett hinüber und wir sind alle in so eine ‚Egal‘-Haltung hineingerutscht. Ein anderer Nebenaspekt sind die deutschen Albumcharts, mit Eskapist waren wir immerhin auf Platz 21, was für uns natürlich auch eine Rolle gespielt hat. Auf so etwas arbeitet man strategisch auch hin und das können wir uns laut unserem Label [Long Branch Records] jetzt natürlich komplett abschminken, weil es aktuell keinen richtigen Einzelhandel gibt. Ich bin natürlich trotzdem gespannt, was die Leute von dem Album halten werden. Das ganze Feedback zur Platte nimmt man aber auch erst richtig zur Tour wahr, wenn man sieht, wie die neuen Songs live ankommen. Aus so einer Euphorie kann man dann lange von zehren. Ohne das wird das Musikerdasein und die Motivation dafür natürlich hart auf die Probe gestellt.

Auf Kollaps nehmt ihr die Betrachtungsweise der Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“ und deren Gründerin Greta Thunberg ein. Kannst du dich noch daran erinnern, wie du dich das erste Mal mit der Bewegung auseinandergesetzt hast?

Das war auch bei Anne Will und der 30. oder 31. März des vergangenen Jahres. Ich schaue die Sendung immer in der Mediathek, wo sie immer erst nachts hochgeladen wird. In der Mediathek war dann auch ein Interview von Anne Will mit Greta Thunberg hochgeladen, das der Sendung vorangeschaltet gewesen war. Von der Person Greta Thunberg, ihrem Schulstreik in Stockholm und den ersten Freitagsdemos wusste ich vorher schon, aber ich hatte mich bis zu dem Zeitpunkt des Interviews noch nicht näher mit der Person beschäftigt. Mich hat dann fasziniert, wie sie im Alter von 16 Jahren auf Englisch ganz klar ihre Position höchst rhetorisch vertreten und die verschiedenen Fragen beantwortet hat. Im Anschluss habe ich mir dann Reden von ihr angesehen, die mich nicht nur beeindruckt, sondern auch total bewegt haben. Ich habe mir dann die Frage gestellt, warum mich das eigentlich so bewegt und mich fortan in ganz Deutschland unter die Demonstranten gemischt. Neben ihrem Umweltaktivismus ist Greta Thunberg ja auch wegen ihrer Asperger-Erkrankung eine besondere Persönlichkeit. Mich hat total fasziniert, dass ein Mensch, der nicht so funktioniert wie die meisten Menschen, notwendig ist, um den vermeintlich normalen Leuten zu erklären, dass die Menschheit auf eine Sackgasse zusteuert.

Inwiefern haben dich denn die Reden von Greta Thunberg bewegt?

Ich würde mich jetzt nicht als besonders religiöse Person beschreiben und auch von Fan-Kult halte ich nicht besonders viel. Ich hatte früher Mitschülerinnen, die auf Konzerte der Backstreet Boys gegangen sind und diese total verehrt haben. So einen Personenkult hatte ich selbst nicht und habe ich auch nie verstanden. Bei Greta hatte ich dann zum ersten Mal den Eindruck, dass da eine Person ist, die durch den Umstand ihrer Erkrankung und ihrer Themenauswahl des Klimawandels eine Art höherer Aufgabe hat. In meinen 36 Jahren hatte ich vorher noch nie eine öffentliche Person gesehen, die so viel bewegt hat. Dass alle Leute über sie geredet haben, kam ja erst später, als sie dann in die USA gesegelt ist und verschiedene Ehrungen bekommen hat. Dass alles hat sie dadurch erreicht, dass sie sich alleine mit einem selbstgemachten Plakat auf den Boden gesetzt hat. Natürlich hat auch die schwedische Medienlandschaft dazu beigetragen. Wenn sie das in Kasachstan gemacht hätte, wäre das wahrscheinlich nicht so um die Welt gegangen. Diese Bewegung hätte mich durch ihren Anti-Materialismus, ihre Kapitalismuskritik und das generelle Anzweifeln von Dingen als Jugendlicher total abgeholt. Als 36-jähriger Erwachsener habe ich mich dann aber auch gefragt ‚Was machst du hier eigentlich gerade? Wie hinterlässt du diesen Planeten? Wann hast du damit aufgehört, dir Gedanken zu machen, dass es noch Generationen nach dir geben wird?‘ Das geht glaube ich vielen Leuten so, weshalb Greta auch so polarisiert. Steht das jedem Menschen zu, so zu leben, wie ich das gerade mache? Sind dafür genug Ressourcen da? Könnte diese Erde dann noch funktionieren? Wenn diese Frage jede Person in der westlichen Welt oder in Deutschland ehrlich beantworten würde, wäre die Mehrheit ein klares ‚Nein‘. Sei es unser Fleischkonsum, unser Plastikverbrauch oder unser Umgang mit fossilen Treibstoffen. Nur weil man sich bei der Auseinandersetzung mit diesen Themen schlecht fühlt, ist das noch lange kein Grund, nichts daran zu ändern und nach Alternativen zu suchen. In der Hinsicht ticke ich glaube ich deutlich unkonventioneller als die meisten Leute. Andere haben drei Fernseher Zuhause – ich besitze keinen Fernseher oder habe auch noch nie in meinem Leben ein Auto besessen und wohne auf sehr kleinem Raum. Ich glaube, in diesem Anti-Materialismus gibt es viel Potenzial, für Menschen glücklicher zu sein. Hier in Hannover gibt es zum Beispiel extrem viel Verkehr in der Innenstadt und die Leute vergeuden ihre kostbare Zeit in Staus in den Städten und werden dadurch aggressiv. Das ist einfach keine schöne Lebenszeit, die man im Auto verbringt, wenn man damit durch die Stadt gurkt. Es muss ja nicht immer um Verzicht gehen. Auch was die Ernährung angeht: meinetwegen muss nicht jeder komplett auf Fleisch oder andere tierische Produkte verzichten, aber man kann bei pflanzlichen Lebensmitteln unglaublich viel entdecken. Ich habe zum Beispiel früher nicht so viele Kichererbsen gegessen. Urlaub ist auch ein gutes Beispiel: die meisten der in Deutschland lebenden Menschen werden sich mit Sicherheit noch nicht die Mecklenburgische Seenplatte angeschaut haben.

Selbst mit dem Zug durch Europa zu reisen wäre für viele Leute wahrscheinlich ein Verzicht.

Ganz genau. Für viele ist aber Urlaub mit Flughäfen und fremden Sprachen verbunden und es gäbe noch eine Menge zu entdecken, wenn man sich mal davon freimachen würde.

Die meisten Leute wollen sich aber auch gar nicht mit klimafreundlichen Urlaubszielen oder mit vegetarischen und veganen Ernährungsformen auseinandersetzen.

Ich weiß teilweise gar nicht, warum das so ist. Die Leute haben immer Angst, dass man ihnen irgendwas wegnehmen will.

Was hast du durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Klimawandel in deinem Alltag umgestellt?

Ich habe auf jeden Fall ein paar Sachen umgestellt. Ich habe zum Beispiel meine Ernährung umgestellt, was ich aber schon vorher ein paar Mal gemacht habe. Ich kann jetzt aber auch nicht sagen, dass ich mich mein Leben lang vegan ernähren werde. Ich esse zum Beispiel auch Honig und verzichte jetzt nicht komplett auf tierische Produkte. Die Ernährung ist auf jeden Fall das erste und einfachste, was ich im Mai vergangenes Jahr umgestellt habe. Dann habe ich noch meinen Stromanbieter gewechselt und beziehe diesen jetzt von privaten Selbsterzeugern, die diesen durch Wasserkrafträder erzeugen. Ich habe mich außerdem noch bei einer solidarischen Landwirtschaftsgemeinschaft im Umkreis von Hannover angemeldet. Da habe ich einen halben Ernteanteil und bekomme einmal in der Woche mein Gemüse, das aus der Region um Hannover kommt und mit Autos nach Hannover gefahren wird und dort in Depots gelagert wird, wo sich das dann jede*r abholen kann. Das spart mir neben den Wegen zum Supermarkt auch die Überlegungen, welches Gemüse denn gerade regional und welches saisonal ist und dazu kommt das alles ohne Plastik aus. Manch ausprobierte Sachen haben mir allerdings nicht so zugesagt, zum Beispiel unverpackte Zahnpasta und Zahnbürsten aus Holz. Das geht natürlich auch noch alles besser und vielleicht muss ich mich da auch noch mehr zusammenreißen. Seitdem ich erwachsen bin, bin ich aber glaube ich nur dreimal geflogen, einmal privat und zweimal beruflich. Ein Auto habe ich wie gesagt auch noch nie besessen, stattdessen habe ich einen Carsharing-Vertrag, den ich auch für die Band nutze. Ich will mit dem Album aber gar nicht sagen, dass alle Menschen ihr Leben komplett umkrempeln sollen, so wie ich es gemacht habe. Ich habe das Album viel mehr aus einer betrachtenden Sichtweise geschrieben, weil ich den gesellschaftlichen Aspekt und die Person Greta Thunberg interessant finde. Beim Coronavirus erwarten die alten Leute jetzt Rücksicht von den jungen Leuten, während es beim Klimawandel andersherum ist. Ich habe das Gefühl, dass ein großer Generationenkonflikt auf uns zukommt, was ich auch bei den Demos gemerkt habe.

Wie kam es letztendlich zu der Entscheidung, ein Album aus der Sichtweise von Fridays for Future und Greta Thunberg zu machen?

Die Musik zu Kollaps war bereits am Entstehen und irgendwann habe ich festgestellt, dass mir noch ein lyrisches Thema fehlt. Nach der Holon: Agnosie war ich mit dem selbstbezogenen Ansatz fertig, auch weil mein Privatleben nicht mehr so viel Spannendes dafür hergibt. Mit der Eskapist habe ich dann angefangen, ein bisschen mehr nach außen zu gucken. Das fand ich total spannend, weil ich mir so, neben der Musik, die ich kreiere, auch noch ein Thema für die Texte aussuchen kann, über das ich nachdenke und wodurch ich vielleicht auch noch andere Leute zum Nachdenken anregen kann. In erster Linie bin ich ja nur Gitarrist und in die Rolle des Texters und Sängers bin ich dann nur zwangsläufig hineingerutscht, weil wir eben als Trio spielen. Es war nie mein Plan, irgendwelche Lyrik zu verfassen. Nachdem ich dann angefangen hatte, mich mit Fridays for Future und Greta Thunberg auseinanderzusetzen, wurde das Ganze zuerst das Thema für einen Song, aber weil diese ganze Bewegung so krass und außergewöhnlich ist, wurde dann schließlich ein ganzes Album daraus. Dass das ganze Thema jetzt ein Jahr nach dem gefassten Entschluss, es zum Kernthema der Platte zu machen, aufgrund der Corona-Krise überhaupt nicht mehr im Fokus steht, war natürlich überhaupt nicht abzusehen. Ich bin mir also gar nicht sicher, ob das jetzt gut oder schlecht ist, dass wir ein Album über die Klimakrise gemacht haben, für die sich aktuell keiner mehr interessiert.

Wenn die Corona-Krise hoffentlich irgendwann wieder vorbei ist und die Welt zur vorherigen Normalität zurückkehrt, wird die Bedrohung durch den Klimawandel aber aktueller denn je sein, obwohl man durch die aktuelle Zeit ja lernt, dass es relativ einfach sein kann, auf klimaunfreundliche Dinge wie das Reisen per Flugzeug zu verzichten.

Vielleicht wäre es gut gewesen, das Album zurückzuhalten und genau darauf zu warten, wenn in den Köpfen der Menschen wieder Platz ist, sich damit zu befassen. Ich kann total nachvollziehen, dass jede Person und insbesondere die Leute, die Kinder haben und aktuell im Homeoffice arbeiten, mit sich selbst genug beschäftigt sind und nicht noch an ihre Umwelt denken können. Die große Frage ist ja, wie werden die Leute nach der Corona-Krise denken? Werden sie denken, dass das jetzt alles irgendwie ging und man nicht immer verreisen muss und es Zuhause auch ganz schön ist oder werden sich die Leute auf alles stürzen, was gerade nicht möglich war?

Ich befürchte eher Letzteres.

Das glaube ich auch. Ich habe an meiner Wohnung eine kleine Umstrukturierung machen müssen, die einen Besuch beim Wertstoffhof und beim Baumarkt notwendig gemacht hat, was ich zwei Monate zurückgehalten, jetzt aber nachgeholt habe. Ich habe den Baumarkt noch nie so voll erlebt und habe das Gefühl, dass die Leute vor lauter Langeweile dann solche Sachen gerne machen. Und deswegen glaube ich, dass die Leute nach der Corona-Krise dann das machen, was aktuell verboten ist und hoffentlich auch wieder auf Konzerte gehen. Vergangenen Sonntag war bei Anne Will auch jemand von der Automobilindustrie zu Gast, die dann Forderungen nach Konjunkturpaketen und Kaufprämien beim Kauf eines neuen Autos stellt, die nicht nur für Elektroautos, sondern auch für Verbrenner-Autos gelten sollen, weil man damit ja auch zum Klimaschutz beitragen könne. Das kann ja wohl nicht sein, dass man die Corona-Krise dafür instrumentalisiert, die alten und schlechten Technologien noch zu verscherbeln, nur weil gerade Konjunkturflaute herrscht.

Wie versucht ihr euren CO2-Ausstoß als Band einzudämmen?

Wenn wir zu sechst in einem Auto sitzen, das zehn Liter auf 100 Kilometer verbraucht, ist das pro Kopf ein nicht so hoher CO2-Ausstoß. Das größere Problem ist glaube ich eher die An- und Abreise der Leute, die unsere Konzerte besuchen. Damit will ich auf gar keinen Fall die Verantwortung von mir weglenken. Wir hatten ja auch öfter gepostet, dass wir an den Freitagsdemos teilgenommen haben, worauf uns dann ein Fan geschrieben hat, dass er hofft, dass wir mit dem Fahrrad zu unserem Gig gefahren sind. Darum geht es ja nicht. Es gibt für Autos zum Teil einfach keine Alternativen. Ich möchte zum Beispiel nicht, dass der Krankenwagenfahrer oder die Polizei mit dem Fahrrad durch die Gegend fährt. Ich bin kein genereller Feind des Autos. Auch für einen Umzug ist ein Auto extrem praktisch. Und wenn man als Band mit einem ganzen Anhänger voll Equipment oder als Handwerker mit dem ganzen Werkzeug unterwegs ist, ist das Auto alternativlos. Da muss man sich dann eher fragen, ob man nicht auf eine andere Art von Treibstoff setzen kann, was aktuell noch nicht so einfach ist. Von Tesla gibt es so einen großen Neun-Mann-Transporter mit Anhängerkupplung, den es aber nicht bei Carsharing gibt, den müsste man sich extra anschaffen und sich überlegen, wie sinnvoll das wäre für die wenigen Konzerte die wir spielen, weil so ein Auto ja auch in der Herstellung viel CO2 verbraucht. Wenn uns der Carsharing-Anbieter so einen Tesla hinstellen würde, würde das auf jeden Fall funktionieren, Schnellladestationen gibt es ja genug an den ganzen Raststätten. Aber die Autos gibt es zum Leihen halt einfach nicht. Die Frage nach der Klimabilanz beim Touren ist also relativ kompliziert und man sollte sich nicht fragen, ob man aufgrund der Klimabilanz überhaupt noch Konzerte spielt, sondern eher, was man machen kann, um die Klimabilanz zu verbessern.

Wie sieht es denn außerhalb der Konzerte aus, zum Beispiel bei der Herstellung von Merchandise?

Jede*r sollte sich klarmachen, dass beim Kauf eines neuen Shirts als auch von Tonträgern Müll entsteht. Und so ein Bandshirt ist meiner Meinung nach kein notwendiges Kleidungsstück. Das sind Fanartikel, die man zusätzlich im Schrank hat. Zu Tonträgern und Shirts gibt es aktuell keine Alternativen, die finanziell lukrativ sind. Bei den Shirt-Rohlingen achten wir darauf, dass diese so klimaneutral wie möglich hergestellt werden. Wir haben uns jetzt aber auch vorgenommen, alte Shirts wieder einzusammeln. Man bekommt also ein neues Shirt günstiger, wenn man uns dafür ein altes Shirt gibt. Auf der übernächsten Tour gibt es dann überbedruckte Fanshirts. Und auch die bekommt man nur, wenn man ein altes Shirt dafür eintauscht. Der Plan ist also, dass man am Ende jeder Tour mit dem gleichen Bestand an Shirts nach Hause fährt.

Welche Shirts und Shirt-Farben kommen dafür in Frage?

Wir haben uns das von der Band The 1975 abgeschaut. Die lassen ihre Shirts beim Konzert am Merchandise-Stand bedrucken. Da kommt einmal ein Farbdruck drüber und dann noch ein einfarbiges Motiv.

In eurem Song Domstol findet sich ein leicht bearbeitetes Zitat von Pegida-Gründer Lutz Bachmann, der sich damit öffentlich über Greta Thunberg und ihre Erkrankung auf eine perfide Art und Weise lustig gemacht hat. Wieso hat das Vorhaben, dieses Zitat auf dem Album unterzubringen, zu heftigen Diskussionen innerhalb der Band geführt?

Das ist ja nicht das einzige Mal, dass Lutz Bachmann in einer Rede etwas in dieser Form sagt. Er hat diese Rede ja selbst ins Internet gestellt. Man kann Greta Thunberg ja gerne kritisieren, aber ein minderjähriges Mädchen in der Form öffentlich so zu kritisieren…

…ist ja keine Kritik mehr, sondern nur noch beleidigend.

Genau. Dass sich ein erwachsener Mann vor so eine Masse stellt und so etwas über ein Kind sagt, da fällt mir auch ehrlich gesagt nichts mehr zu ein. Dieses Zitat in einen Song einzubetten, ging dann auch manchen in der Band einfach zu weit. Es geht ja um unsere Musik und wir finden unsere Musik ja auch schön, auch wenn wir da manchmal Sprüche oder ein Schmunzeln einbauen und uns teilweise zugestehen, dass manche Sachen auch ruhig kacke klingen oder witzig sein können. Wir wollen unsere Musik ja aber auch selbst hören und Lutz Bachmann hören wir halt nicht gerne. Dass so ein widerlicher Typ etwas so Widerliches sagt, ist glaube ich der größte Bruch in unserer Musik. Und deswegen mussten wir lange diskutieren, ob es uns das wert ist, unser Werk mit diesem Typen so zu verschandeln. Ich finde es aber gut, dass wir uns dafür entschieden haben, weil es die Sache so gut auf den Punkt bringt. Das ist die prekärste Stelle von all unseren Alben. Auch in den Kommentaren unter dem Musikvideo von Bilen geht es weniger um die Musik, sondern um unsere Kritik am Status Quo des Autos in Deutschland, was vielen Leuten nicht gefällt. Das war jetzt aber bei vielen Interviews der Fall, dass es da weniger um die Musik, sondern mehr um die Inhalte ging.

So auch in diesem Interview.

Genau, das finde ich aber auch völlig okay. Bei Bilen waren die Kommentare schon krass und bei Domstol wird das glaube ich nochmal schlimmer, vor allem wenn das Video rechte Kreise erreichen sollte.

Hast du Angst vor möglichen Reaktionen aus der rechten Szene?

Nein, dafür sind wir glaube ich zu unbedeutend. Sorgen mache ich mir dagegen vor einer möglichen juristischen Auseinandersetzung mit Lutz Bachmann. Ich habe mich zwar im Vorfeld bei einer Medienanwältin rechtlich informiert, eine endgültige Absicherung kann dir allerdings niemand geben, das müsste im Zweifel dann ein Richter entscheiden. Aber Angst vor derlei Reaktionen oder gar rechtem Terror habe ich nicht. Unter das Video von Bilen hat auch ein Schweizer Musikmagazin, das sich komischerweise auch an unser Label gewendet hat, mit verschwörungstheoretischem Vokabular kommentiert, wir seien Systemsklaven und würden Klimapropaganda betreiben, obwohl wir das Auto ja selbst zum Touren bräuchten. Solche Reaktionen finde ich aber gut, weil wir die Leute damit genau dort treffen, wo wir sie auch treffen wollen.

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Jonathan Schütz

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