Festivalreview: Paaspop 2019, 19.-21.04.2019, Schijndel, Niederlande

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Es ist doch immer so: man sehnt sich nach Variabilität im Festival Lineup, will alles sehen, und am Ende beschwert man sich doch, dass es nicht genug gute Acts gab. Solche Probleme hat man beim Paaspop in der Hinsicht nicht: Die größte Zusammenkunft verschiedenster Musikrichtungen präsentiert neben einer endlosen Bandbreite an guter Musik auch noch unzählige Festivalaktivitäten, die man sonst nirgends zu Gesicht bekommen würde. Wir berichten für euch vom wohl unterbewertetsten Festival außerhalb Deutschlands.

Paaspop-3389Zum Auftakt des dreitägigen Allrounderlebnisses gibt es starken Sonnenschein, einen außergewöhnlich leeren Campingplatz sowie einen kleinen Gebäudekomplex, in dem sich verschiedene Aktivitäten vorfinden: Egal ob Rasur, Beautytermin oder Arcadespiele – für Unterhaltung auf dem Zeltplatz ist auf den ersten Blick schon einmal gesorgt. Auch eine kleine Bühne für Akustikauftritte, deren Sitzränge von gemütlichen Fatboy Kissen gesäumt sind, laden zum Entspannen und Musikgenießen ein, während ein benachbartes Poolhaus mit einem DJ und Wasserspielen aufwartet. Zusammengefasst bietet allein der Zeltplatz (auch ‘Paradise City’ genannt) des Paaspops schon mehr kostenlose, zeitvertreibende Aktivitäten, als es die Größen wie Rock am Ring oder Southside in Deutschland tun oder je in Betracht ziehen würden. Neben dem überdimensionalen Programm des Hauptterrains des Events gibt es für die Zeltenden auch noch dort Unterhaltung auf den angesprochenen Zeltplatzbühnen bis 5 Uhr morgens. Spätestens hier wird klar, dass es sich um wesentlich mehr als ein pures Musikfestival handelt. Wesentlich treffender könnte man den Begriff Erlebniswochenende verwenden, was uns auch beim Betreten des Hauptareals bewusst wird: viele Dutzend Straßenkünstler, aufwändige Bühnendesigns und eine große, mit LED-Wänden ausgestattete Rollerblade Disco Snolly zählen mitunter zu dem Schmaus, der dem Besucher geboten wird. Diese Reizüberflutung durch von allen Richtungen ertönender Musik und Walking Acts ist zunächst überwältigend, zugleich jedoch Testament für die Liebe für das Detail, die bei der Aufmachung des Paaspop überall erkennbar ist.

Paaspop-2569Doch hier spielt die Musik: Das Konzept der Bühnen und welche Künstler diese bespielen ist auch gelungen und besonders hilfreich für die Menschen, die sich lieber nach Genre als dem eigentlichen Act orientieren wollen. Bei den beiden großen Hauptbühnen Apollo und Phoenix stehen Mainstream Künstler aller Welt auf der Running Order; Loco Royale und Roxy laden alle Hip-Hop Fans zum Tanzen ein; The Warehouse, Smèrrig und Detroit bieten Electronica vom Feinsten, während die Bühnen Thunderbolt, Thunder Alley, Jack Daniel’s und Theatre die Heimat für Fans des Rock und der härteren Musik sind. Dank der kurzen Laufwege und durchschnittlich einer Stunde Spielzeit pro Gruppe hat man hier auch die Chance, trotz vermeintlicher Überschneidungen immer etwas von allem mitzubekommen, was sowohl für Künstler als auch Publikum gut gelöst worden ist.

Der Freitag beginnt mit den guten Tribute Bands Rage Against The System und Stahlzeit, wobei letztere mit einem 90-minütigen Set und überzeugender Pyrotechnik ihren Helden Rammstein sehr nahe kommen. Eine ganze Spur merkwürdiger geht es bei The Wetnecks zu, deren Ziel es ist, unter anderem in der Flagge der Konföderierten Staaten von Amerika oder auch Latzhosen eingekleidet, bekannte Popsongs im Bluegrass / Country Stil zu covern. Die überzogene Parodie simpler Dorfburschen Alabamas ist zwar zunächst witzig, verliert aber nach einer halben Stunde auch leider ihren Witz. For I Am King stellen im Gegensatz dazu ein erstes Highlight dar: Sängerin Alma Alizadeh zerlegt mit der Hilfe ihrer Kollegen die kleine, dem Rock und Metal zugeordnete Bühne ‘Thunder Alley’ binnen weniger als einer Stunde. Kraftvolle Screams, blutrünstige Growls und herausragendes Zusammenspiel des Quintetts katapultieren die holländische Deathcore / Metal Formation bereits zum Festivalauftakt in die hohen Ränge der besten Künstler des Wochenendes. Da ist es dann auch nicht weiter enttäuschend, dass wir anschließend nicht mehr zur Apollo Hauptbühne hereinkommen, um Scooter “How much is the fish?” gröhlen zu hören.

Paaspop-2685Stattdessen dürfen wir Comeback Kid auf der Jack Daniels Bühne lauschen. Die kanadische Hardcore Formation tut sich aufgrund Jetlags und vermehrter technischer Fehler schwer, an ihr sonst so hohes Potential als Liveband anzuknüpfen. Die letzte Band des Tages und Headliner der Apollo Hauptbühne, Within Temptation, liefert einen starken Auftritt in voller Montur ab. Engelsgleiche Flügel erstrecken sich über den gesamten hinteren Teil der Bühne, deren Mittelpunkt Sängerin Sharon den Andel bildet. Trotz der visuell ansprechenden Darbietung ist es dann ein wenig enttäuschend, dass für die korrekten Texte während der 75 Minuten ein Teleprompter herhalten muss. Trotzdem spielt die Band auch live studioreif ihren symphonischen Metal, der in seinen besten Momenten an Nightwish zu Zeiten Tarja Turunens erinnert.

Paaspop-3460Der Festivalsamstag bietet sich anschließend als perfekte Möglichkeit, die Vielzahl an spaßigen Aktivitäten auf dem Paaspop Campus zu erkunden. Die Tiki Bar beispielsweise fungiert als Häuschen mit mehreren Musikern, die den Zuschauer zum Jammen einladen, während die Monster Energy Silent Disco oder ein mit Lasern bestückter Vortextunnel Tanzlaune verbreiten. Auch für die Fans gemütlicher Standup Comedy Sessions ist mit dem Cozy Comedy Club gesorgt, von dem wir leider aufgrund der ausschließlich niederländischen Sprachdarbietungen keinen Gebrauch machen können. Musikalisch startet der Tag auf der Jack Daniel’s Bühne mit Indian Askin. Das Quartett aus Amsterdam präsentiert wirren Indierock, der hauptsächlich von saftigem Basssound profitiert. Sänger Chino Ayala hält sich von ausschweifenden Ansagen fern und lässt stattdessen sein obskures Verständnis für Melodieführung mit der Gitarre sprechen. Etwas zeitversetzt bespielt der Singer-Songwriter Douwe Bob die Apollo Bühne und lässt, von einer 6-köpfigen Band unterstützt, die Teenieherzen des jungen Publikums schmelzen.

Paaspop-3254Musikalisch wilder geht es bei Yonaka aus Brighton zu: Die Alternative / Poprock Formation konnte man zuletzt als Support für Bring Me The Horizon hierzulande sehen, und das zurecht. Mit drückenden Midtempo Songs fokussiert sich die Gruppe auf Tanzbarkeit und Soundwände statt simpler Powerchords, was in der hitwürdigen Single Own Worst Enemy deutlich wird. Bassist Alex Crosby sticht mit seinem hervorragenden, fast schon Muse ähnelndem Bassspiel deutlich heraus. Gegen Abend spielen die grandiosen De Staat das beste Konzert der Apollo Bühne: Eine das Albumartwork von Bubble Gum imitierende LED-Leindwand säumt den hinteren Teil der Bühne, während im Vordergrund viel mit Licht und Schatten gespielt wird. Besonders flexibel zeigt sich die Band, als plötzlich Sänger Torre ein technisches Problem lösen muss, und Keyboarder Rocco Hueting adhoc den Gesang beisteuert. Auch das Publikum der in den Niederlanden mittlerweile zu Stars gewordenen Gruppe aus Nijmegen wird mit dem Auftritt warm und springt ehe man sich versieht bis zum Ende der einstündigen Performance wild auf und ab. Ähnlich ekstatisch geht es auch bei Yungblud danach zu. Der Emo-Revival Künstler aus England wieselt sich über die Bühne und weiß, mit schnellen Laufstrecken, motivierenden Aufrufen und Rockstar Attitüde, das äußerst junge Publikum zu bespaßen. Da muss natürlich auch die (im Verlauf des Auftritts nie zu hörende) Gitarre gleich mal über die halbe Bühne geworfen werden. Ein wenig überzogen wirkt Yungbluds Auftritt schon, und man hat das Gefühl, er läuft Gefahr, im weiteren Verlauf seiner Karriere vollkommen durchzudrehen. Insgesamt kann der Newcomer aus England aber überzeugen und wird wohl noch sehr oft zu hören sein. Der Abend wird beendet von einem DJ-Doppelpaket: Noisia und Pendulum bewerkstelligen in insgesamt drei Stunden einen kleinen Rave, bei dem fette Bässe und fröhlicher Alkoholismus Überhand nehmen. Leider hat man das Gefühl, der Großteil des Publikums hätte noch nie von Pendulum gehört, weswegen der große Jubel bei Klassikern wie Tarantula oder Witchcraft ausbleibt. Beim nächsten Mal darf man dann hoffentlich wieder die ganze Band live sehen – es ist Zeit.

Paaspop-4153Der Festivalsonntag verlangt uns musikalisch wohl am meisten ab und fühlt sich an, als würde man zwischen allen Musikgenres einmal auf Shuffle drücken. Einerseits wäre in der Mainstream Schiene da die Country / Pop Künstlerin Ilse Delange, die entspannt und fröhlich lächelnd über die Bühne stolziert. Kovacs brilliert mit ihrer rauchigen Stimme und einer klasse Liveband, die ihren dunklen Pop gekonnt stützt. Auch die Weltstars Clean Bandit dürfen sich auf der Hauptbühne die Ehre geben, bringen jedoch live nicht sonderlich viel Emotionen rüber und wirken etwas scheu vor Ansagen, die man von einem Festival Hauptact erwarten dürfte. Im Kontrast zu diesen Auftritten steht das Programm auf den Bühnen Thunder Alley und Jack Daniel’s: The Damn Truth feiern ein 70′s Rock Revival, während Daddy Long Legs waschechten Blues spielen und, mithilfe alter Mikrofone und einer Mundharmonika bewaffnet, die Herzen des Publikums aufgehen lassen und sogar zum Jive Tanz motivieren können. Steel Panther zeigen sich – wie erwartet – glamourös, arrogant und sexistisch, wobei man hier nicht so genau weiß, was Image oder Realität ist. Eine Horde tanzender Fans auf der Bühne lässt es auf anzügliche Art und Weise krachen, während Michael Starr von seinem für die Öffentlichkeit verfügbaren Glied singt.

Paaspop-4489Im Paralleluniversum der Jack Daniel’s Bühne wird hingegen mit Energie und frei von solchen Gedanken gefeiert. Sowohl Tusky, Ho99o9, Idles als auch Blood Red Shoes liefern allesamt auf eigene Art und Weise mit die besten Auftritte des Festivals ab. Während Tusky auf schrammelige, schnelle Lieder voller Energie setzen (siehe Jawbreaker), repräsentieren Ho99o9 eine neuere Version der Death Grips. Mit anfänglichem Null-Bock Auftreten verwandelt sich der Auftritt der US-Amerikaner binnen Sekunden in ein wildes Potpourri aus Grime, Hardcore Punk, und Electronica. Mit einem Medley aus Prodigy Songs in Gedenken an Keith Flint und dem abschließenden Fight Fire With Fire hinterlassen Ho99o9 ihr Publikum schweißgebadet und bereit für Idles, welche über eine Stunde hinweg alles tun, um das Energieniveau soweit anzuheben, wie möglich. Beide Gitarristen steigen über die Barriere und spielen vom Publikum aus, selbst Crowdsurfer gibt es trotz ausdrücklichem Verbot seitens der Festivalorganisatoren. Die größten Mitsingchöre bringt Danny Nedelko mit sich, und auf einmal fühlt sich alles an wie eine kleine Punkshow, bei der man voll dabei sein muss. Kraftvollen Alternative Rock ähnlich zu Royal Blood gibt es vom Duo Blood Red Shoes, das sich in Teilen des Auftritts für mehrstimmige Gitarren und Synthparts Hilfe zweier neuen Mitglieder holt. Der gewaltig wuchtige Sound der Gruppe verlangt den Boxen der Bühne alles ab und beendet das Festival gebührend.

Paaspop-3837Für wen ist das Paaspop Festival also etwas? Die Antwort ist: Jeden. Zwischen unendlich vielen Musikrichtungen, Entertainment zwischen Musik Acts, einem Publikum aller Altersklassen als auch grandiosem Design des gesamten Festivalareals hat man an einem Osterwochenende nicht nur die Möglichkeit, das Tanzverbot zu übergehen, sondern das Festival zu einem vielfältigen Erlebnis zu machen. Allein Teile der Organisation seitens des Personals lassen zu wünschen übrig, tun dem Gesamteindruck der Veranstaltung aber keinen großen Abbruch. Das Paaspop ist die perfekte Zusammenkunft aller Musik innerhalb kürzester Zeit, und somit für Leute außerhalb der Niederlande ein riesiger Geheimtipp.

Bilder von Christina Drotos ©
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Alex Loeb

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