Counterparts-Frontmann Brendan Murphy über das neue Album seiner Band: Wie eine schöne Bücherstütze

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Counterparts spielen bereits seit 2007 mitreißenden Hardcore und werden angeführt von Frontmann Brendan Murphy, der mittlerweile das einzig verbliebene Gründungsmitglied ist und in den Songtexten den Kampf mit den inneren Dämonen austrägt, den sich viele leider nicht zu kämpfen trauen.

Als das mittlerweile sechste Counterparts-Album Nothing Left To Love am 1. November erscheint, sind die Kanadier aktuell auf großer US-Tour – zusammen mit Stray From The Path, deren wiederum neuntes Album Internal Atomics am gleichen Tag erscheint. Während Murphy auf dem vorab veröffentlichten Song Kickback einen Gastpart beisteuern darf, haben Counterparts auf keinem ihrer bisherigen Alben einen Gastsänger untergebracht, was sie auch für Nothing Left To Love nicht geändert haben: „Ehrlich gesagt war es eher eine Zeit/Ort-Sache, dass ich auf dem Stray-Album gelandet bin“, erklärt Murphy, wie es zu dem Feature gekommen ist. „Wir waren zur selben Zeit im gleichen Studio, sie haben unten aufgenommen und wir haben oben geschrieben. Wir haben an einem Tag Sushi geliefert bekommen und sie baten mich, einen Part zu schreien, und ich war dabei. Wir hatten noch nie einen Gastsänger auf unseren Alben, weil ich weiß, wie nervig es ist, ein Studio zu finden, ein paar Stunden zu fahren, den Part aufzunehmen, etc. Wenn Drew während unseren Aufnahmen im Studio aufgetaucht wäre, hätte ich ihn wahrscheinlich gebeten, bei einem Song dabei zu sein, aber ich wollte ihn nicht nerven und ihn zwei Stunden ins Studio fahren lassen.“ Logisch.

Ein „fremder“ Sänger würde nach näherer Betrachtung zudem eher weniger in das Konzept von Counterparts passen, wie Murphy auch selbst ausführt: „Counterparts sind MEIN Ventil, weißt du? Jeder einzelne Counterparts-Song ist aus meiner eigenen Perspektive geschrieben. Ich denke, über etwas anderes als meine eigenen Gefühle zu schreiben, wäre ein Bärendienst.“ Dass es sich dabei um eine äußerst düstere Perspektive handelt, verdeutlicht für Counterparts-Frischlinge bereits der beinharte Opener Love Me, der größtenteils nur aus der Zeile „Will you love me when there’s nothing left to love?“ besteht, bevor die folgende erste Single Wings Of Nightmares in deutlich melodischere Gefilde entflieht. Mit der eröffnenden Zeile schließt das Album eine halbe Stunde später im post-rockigen Titeltrack auch wieder ab. „Ich glaube, ich habe diese Zeile zuerst für Love Me geschrieben“, versucht sich Murphy zu erinnern. „Als wir dann darüber sprachen, das Album Nothing Left To Love zu nennen, begann ich mit der Idee zu spielen, dass es sowohl die erste als auch die letzte Zeile des Albums sein könnte. Wie eine schöne Bücherstütze.“ Diese Idee sei zudem von den ganzen Bands, die die Musik von Counterparts beeinflussen, inspiriert gewesen. Poison The Well, Misery Signals – „all die Trustkill/Ferret Records Bands der frühen 2000er Jahre”, so Murphy. „Meiner Meinung nach war es der Höhepunkt der harten Musik.“
Murphy ist kein Songschreiber, der seine Texte bis ins kleinste Detail perfektioniert oder sich ein gesamtübergreifendes Konzept überlegt, stattdessen schreibt er die Songtexte erst, wenn das musikalische Gerüst steht und sich die Strukturen der Songs des jeweiligen Albums nicht mehr ändern. Dabei greife er auch mal auf die „Backup-Sachen in meiner Notes-App“ zurück, „aber der Großteil des Schreibens geschieht am Tag vor der Aufnahme der Songs.“

Für die Produktion von Nothing Left To Love zeigte sich einmal mehr Will Putney verantwortlich, der Counterparts seit 2013 und dem dritten Album The Difference Between Hell And Home nicht nur bei allen Veröffentlichungen als Produzent unter die Arme greift, sondern für die Band und Murphy eine wichtige Hilfe beim Schreiben der Songs darstellt, wie dieser erläutert: „Ich habe keine Ahnung, welche Noten wo passen, welche Harmonien zu machen sind, etc. Ich komme einfach mit einer groben Idee und dem Text an und lasse mir von ihm auf einem Klavier zeigen, welche Noten ich schlagen soll“. Murphy lacht.
Eine besondere Herausforderung sei – trotz der Hilfe von Putney – der abschließende Titeltrack gewesen, in dem Murphy das Hardcore-Gebrüll gegen seine Falsett-Stimme eintauscht, während der Rest der Band die Katharsis in einer ruhigen Instrumentierung sucht, bevor der Song und die Platte in einem aufbrausenden Post-Rock-Sturm untergeht. „Ich glaube, ich hätte in der Zeit, in der ich den Titeltrack aufgenommen habe, drei Songs mit Geschrei aufnehmen können“, reflektiert Murphy. „Schreien übt sich sicherlich härter auf deine Stimme aus, aber tatsächlich Noten treffen zu müssen, war für mich eine verrückte Erfahrung. Singen ist verdammt hart.“ Murphy lacht erneut.
Die vierwöchige US-Tour ist inzwischen vorbei, kurz nach deren Ende kündigen Counterparts eine zweiwöchige Europa-Tour für den Februar an, auch mit drei Konzerten in Deutschland. Das legt die Frage nah, ob Brendan Murphy keine Angst habe, dass sich das Singen der herzzerreißenden Texte bei den zahlreichen Konzerten seiner Band negativ auf seinen Geisteszustand auswirken könne. „Ganz im Gegenteil, ich habe das Gefühl, dass ein Ventil wie Counterparts, um meinen Emotionen direkt ins Auge sehen zu können, eigentlich für meine psychische Gesundheit von Vorteil ist“, entgegnet dieser. „Ich fühle mich immer besser, wenn wir mit den Aufnahmen fertig sind. Es ist so, als ob ich den ganzen Mist, der in den letzten zwei Jahren in meinem Leben passiert ist, auf mich nehmen und ihn vernichten kann, damit er nie wieder die Fähigkeit hat, mich zu beeinflussen.“

Counterparts live in Deutschland:
07.02. Wiesbaden, Schlachthof
08.02. Hamburg, Bahnhof Pauli
09.02. Köln, Gebäude 9
Karten gibt es bei Eventim.

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Jonathan Schütz

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