CD Review: Heisskalt – Vom Wissen und Wollen

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Poetische Texte, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten, brachiale Rock-Sounds, die sogar oft in die Hardcore-Schiene übergreifen und eine nicht zu verkennende Melancholie, das sind Heisskalt. Die Stuttgarter Rock-Formation veröffentlicht am 10.06. ihr zweites Studioalbum mit dem klangvollen Namen ’’Vom Wissen und Wollen’’. Wir haben die Scheibe vorab zu hören bekommen und was wir von der Platte halten, erfahrt ihr in unserem Review.

Der Nachfolger von ’’Vom Stehen und Fallen’’, das im März 2014 erschien und Platz 29 der deutschen Albumcharts erklomm, präsentiert sich auf 12 Songs über eine Gesamtlänge von knapp 55 Minuten. Der erste Track ’’Euphoria’’ ist zugleich die erste Singleauskopplung des Albums und zeigt dem Zuhörer direkt, welche Welten Heisskalt aufschlagen. Ohne lange Anlaufzeit steigt der Song direkt mit der unverwechselbaren Stimme von Sänger Mathias Bloech ein, gepaart mit einem aufbauenden Trommelwirbel von Schlagzeuger Marius Bornmann. Im Refrain steigert sich die Härte, bevor der Song gen Ende explodiert. Ein fulminanter Einstieg – besonders im Vergleich zum ersten Album, das mit ’’Das bleibt hier’’ einen eher ruhigen Anfang hatte.

Mit ’’Absorber’’ folgt der zweite vorab veröffentlichte Track. Das rhythmisch anspruchsvolle Stück kann ein für Heisskalt eher ungewöhnliches Gesangssample vorweisen, bevor der Song nach einem ruhigen Aufbau in der zweiten Hälfte wild und laut, ja fast derb wird. Nach ’’Nacht ein’’, einem in der Strophe ruhigen und im Refrain harten Song, der der gewöhnlichen Songstruktur von Strophe-Chorus-Strophe-Chorus-Bridge-Chorus folgt und im Gesamtkontext des Albums dadurch schon ungewöhnlich wirkt, folgt mit ’’Angst hab’’ eine der härtesten Nummern der Platte. Zunächst befindet man sich in einem Kosmos, in dem Call & Response die Kommunikation beherrschen, bevor diese Hürde überwunden wird und Heisskalt ihren Hardcore-Einfluss zeigen. Manche Fans könnten entsetzt sein, wie hart die Stuttgarter Jungs sein können.

Das erste Drittel der Platte ist beendet, nun folgen vier lange Songs, deren Lauflänge alle die Fünf-Minuten-Marke überschreiten. ’’Apnoe’’ lässt den Zuhörer kurz durchschnaufen und den wahren Worten von Mathias Bloech lauschen, ehe mit ’’Trauriger Macht’’ ein zweigeteilter Song folgt. Die ersten Minuten denkt man, dieser Track sei eine Fortsetzung zur vorherigen Nummer, doch dann eskaliert der sechste Song des Albums und bietet einen kleinen Vorgeschmack auf die zwei weiteren Werke des Mittelteils des Albums.
’’Von allem’’ beginnt ebenfalls ruhig, ehe man sich in einer dunklen und wahnsinnig melancholischen Welt wiederfindet. Der Song ist am Ende so düster, dass man denkt, die Band würde sich verspielen.
Auch im nächsten Song ’’Doch’’ herrscht die Moll-Tonart. Der mittlere Part des Songs zählt zu den härtesten Stellen des Albums.
Im mittleren Teil der Platte schaffen es Heisskalt also gekonnt, ruhige mit harten Stellen zu kombinieren, ohne die jeweilige Stimmung zu ruinieren.

Nach dem rockigen ’’Nichts weh’’ erklingt ein ’’Lied über Nichts’’. Diesen Song zeichnet sein sehr guter Text aus. Textzeilen wie ,,ist das jetzt positiv genug?’’ oder ,,ich hoffe du magst es, ich mag es nicht’’ brennen sich sofort im Gedächtnis ein.
’’Tanz, Tanz’’ ist die wildeste Nummer des Albums. Nach einem einminütigen Klangteppich, der auch als Hintergrundmusik beim Yoga dienen könnte, vernimmt man äußerst aggressive Schreie von Sänger Mathias Bloech. Auch bei diesem Song schaffen es die Stuttgarter, ihre neue Härte mit der altbekannten Melodiösität perfekt zu verbinden und den Zuhörer mehrmals zu überraschen, wenn er glaubt, er wüsste, wie sich der Song entwickeln wird.
Mit ’’Papierlunge’’ endet ein sehr andersartiges Album auf rockig-ruhige, melodisch-melancholische und epochale Art und lässt den Zuhörer sehr aufgewühlt in einem Durcheinander der einzelnen Instrumente zurück.

Heisskalt verlassen mit ’’Vom Wissen und Wollen’’ ihre zuvor selbst errichtete Komfortzone. Während einige Songs auf der vorherigen Platte noch einigermaßen massentauglich daherkamen durch z.B. einzigartige Ohrwürmer wie in ’’Nicht anders gewollt’’, ’’Alles gut’’ oder ’’Sonne über Wien’’, die allesamt erstklassige Songs sind, ist das neueste Studioalbum der vier sympathischen Jungs deutlich härter und aggressiver als das letzte Album und sehr experimentierfreudig im Vergleich zum Debütalbum. Die gewöhnlichen Songstrukturen sind kaum wiederzufinden, stattdessen strotzt das Album nur so vor Energie, Dunkelheit und Kompromisslosigkeit. ’’Vom Wissen und Wollen’’ ist keine einfache Platte und das soll sie auch nicht sein. Heisskalt ist ein sehr vielschichtiges und absolut hörenswertes Werk gelungen. Heutzutage ist es schwer, eine Band zu finden, die gleichzeitig große Leidenschaft für die Musik als auch eine so enorme Experimentierfreudigkeit mit sich bringt, wie es bei Heisskalt der Fall ist. Diese Band geht den umgekehrten Weg: Statt die harten Töne hinter sich zu lassen, haben Heisskalt diese erst so richtig für sich entdeckt.
Mit neuem Material und bevorstehenden Auftritten bei Rock am Ring und Rock im Park sowie einer großen Deutschland-Tour im Herbst ist es an der Zeit, dass Heisskalt die nationalen Bühnen erobern!

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Jonathan Schütz

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