CD Review: Fewjar – Until

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Ihr denkt, ihr hättet alles gehört und keine Band könnte euch mehr überraschen und das Musikgefüge auf den Kopf stellen? Falsch gedacht! Fewjar drehen mal eben mit ihrem neuen Album ’’Until’’ alle Werkseinstellungen der progressiven elektronischen Musik um 90 Grad nach vorne.

Die Reise von Fewjar beginnt 2009 im eiskalten Dezember. Gitarrist und Sänger Jakob Joiko sowie Sänger und Synthesizer-Meister Felix Denzer definieren kurzerhand das neue Genre Polygenre selbst. Im Polygenre gibt es keine Grenzen der Genrevielfalt. Hier treffen Electro, 80s und Rock auf Progressive, Psychedelic und Indie. Nach einiger Zeit bringen die beiden ihr erstes Album ’’Journey of Dam’’ an den Mann. Das noch sehr unausgereifte Werk ist ein klassisches Debütalbum und hat noch mehr mit Metal als Electro am Hut. Dies ändert sich, als das Duo 2013 ’’AFewSides’’ veröffentlicht. Das zweite Album ist ein großer Sprung nach vorne und besitzt mit ’’Cepheus’’, ’’S.p.a.m.’’, ’’Tapirsupper’’ und ’’Polemonium’’ einige echte Hits. Nach der 2015 erschienenen EP ’’Indigo’’, die einen ersten Vorgeschmack auf das neue Album gibt, erscheint Ende Oktober das dritte Album ’’Until’’, das prompt auf der ersten Tour der Band in acht deutschen Städten präsentiert wurde.

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’’Until’’ setzt da an, wo ’’AFewSides’’ aufgehört hat. Irgendwie aber auch nicht. Es sind die selben Musiker, die gleiche Art von Musik und dennoch fühlt sich alles frisch wie ein gebackenes Brot an. Das merkt man schon beim Einstieg ’’Gemini’’, der eine große Prise 80er Flair mit der kunstvollen Art von Fewjar vermischt und sich dabei zu einem Alternative Disco Hit entwickelt, ohne die Tanzfläche zum Einschlafen zu bringen. Mit ’’Lo’’ findet sich eine erste Hit-Single im Opener-Trio, bei der die beiden Gesangsvirtuosen Joiko und Denzer zeigen können, was in ihnen steckt. Sehr hohe sowie tiefere Töne werden ohne Probleme gemeistert und Ohrwurmcharakter besitzt der Song ebenfalls. Höhepunkt der elektronischen Entwicklung sind ohne Frage ’’Apart’’, das bis auf die letzte halbe Minute nur mit einem Wort als Songtext auskommt, sowie die Interlude ’’Going In Circles’’, die auch in einem Tron-Film wunderbar Platz finden würde.

Es sind jedoch nicht nur die lauten und elektronisch dick produzierten Songs, die die Stärken Fewjars aufzeigen. ’’A Bleakbox of Insights’’ und ’’Levitation’’ sind nicht nur willkommene Abwechslungen durch ruhigere Töne, die beiden Songs bilden jeweils eine eigene Art von Kunst. Sei es durch Streicher oder leise Töne auf der Akustikgitarre, die unbewusst angeschlagen wirken. Höhepunkt der Platte ist zweifelsohne ’’Indigo’’, das in Kollaboration mit Singer-Songwriter Michael Schulte entstand. Schulte und Joiko liefern sich hier einen wahren Kampf, wer gesanglich die Oberhand behält und inmitten dieses Gefechts platzt Felix Denzer mit einem Electro-Breakdown der Extraklasse. Doch damit nicht genug. Das anschließende ’’Carmine’’, ebenfalls mit Schulte als Gastmusiker, fühlt sich mehr wie eine Oper als ein Indie/Electro-Song an. Einziges Manko eines starken Albums ist die Länge. Wohingegen die erste Hälfte einen starken Song nach dem nächsten abfeiert, wirkt die zweite Hälfte dagegen fast schwach und mutlos. ’’In Between Parabels’’, ’’Erix & Exile’’ und ’’Pseudo’’ sind zwar allesamt gute Songs, im Kontext des Albums überzeugen können sie hingegen nicht ganz.

’’Until’’ ist trotz der schwächeren zweiten Hälfte ein starkes Album. Fewjar wissen genau, wohin sie mit ihrer Musik wollen und das merkt man der Platte zu jedem Zeitpunkt an. Kein Song gleicht dem anderen und speziell am Anfang ist es eine wahre Achterbahnfahrt der Genre. Doch das kostet auch Kraft. ’’Until’’ ist kein Album, das man zwischendurch und zur Zeitüberbrückung hören sollte. Die LP fordert Zeit und Aufmerksamkeit. Wer dies beachtet, wird mit einem starken und erwachsenen Album belohnt. Alle Electro-, Indie-, Progressive- und allgemein Fans stilübergreifender Musik sollten unbedingt einen Blick riskieren, es wäre schade, wenn dieses Juwel im Verborgenen bleiben würde.

Wir haben auf der Tour des Duos das Konzert in Rüsselsheim besucht, unser Livereview findet ihr hier: www.shout-loud.de

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Jonathan Schütz

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