CD Review: Billy Talent – Afraid of Heights

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Wo kann eine Band, die musikalisch fast alles erreicht hat und Jahr für Jahr auf den großen Festivalbühnen spielt und Halle um Halle füllt, mit ihrer Musik noch neue Zelte aufschlagen? Diese Frage haben sich Billy Talent beim Schreiben ihres fünften Studioalbums ’’Afraid of Heights’’, welches am 29.07. nach vierjähriger Wartezeit erscheint, vermutlich selbst gestellt.

Heutzutage ist es nicht leicht, jeden zufriedenzustellen und sich gleichzeitig weiterzuentwickeln. Das durften Billy Talent bei ihrem letzten Album ’’Dead Silence’’ feststellen. Musikalisch haben die Kanadier ihr Spektrum um einige Facetten bereichert, bei den Fans ist die Entwicklung weg vom Punk und Post-Hardcore hin zum lupenreinen Rock nicht allzu gut angekommen. Wer auf dem nunmehr fünften Studioalbum wieder bzw. immer noch darauf baut, eine Punk-Rock Platte mit Post-Hardcore Einflüssen zu hören, ist definitiv fehl am Platz.

Nichtsdestotrotz ist ’’Afraid of Heights’’ ein absoluter Glücksgriff. Der vorab veröffentlichte Titeltrack ließ dies schon leicht erahnen, doch die insgesamt 12 Tracks lange Scheibe bietet mehr als nur den obligatorischen Radio-Hit. Schon beim Intro ’’Big Red Gun’’ lassen die kanadischen Rocker ihre typischen Merkmale aus dem Boden sprießen. Die unverkennbare Stimme von Sänger Ben Kowalewicz – der live nie so gut gesungen hat wie jetzt, was er beim Auftritt seiner Band bei der diesjährigen Rock am Ring Ausgabe eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat – gepaart mit dem Backgroundgesang der Instrumentalisten sowie dem markanten Gitarren- und Basssound von Gitarrist Ian D’Sa und Bassist Jonathan Gallant sorgen für frühe Glückseligkeit. Beim dritten Track ’’Ghost Ship of Cannibal Rats’’ zeigen Billy Talent, dass sie nie so gute Refrains geschrieben haben wie auf diesem Album. Absolut eingängig, dennoch nicht simpel und textlich auch eine Wucht.
Mit ’’Louder Than the DJ’’ lassen Benjamin & Co. den 70er-Jahre Rock’n’Roll wieder aufleben. Ansonsten ist der Song doch eher etwas stumpf und zählt definitiv zu den schwächeren Nummern auf diesem Album.

In der Mitte des Albums angekommen, präsentieren Billy Talent ein wahres Monstrum eines Songs. Das sechs Minuten lange ’’Rabbit Down the Hole’’, untermalt von einer Akustik-Gitarre und versehen mit mehreren Gitarren-Soli, ist der für mich stärkste Song auf dieser Platte, zumal das Stück auch textlich zu begeistern weiß mit eingängigen Textzeilen wie ,,good god what have I done?’’ und der zu spürenden Verzweiflung in der Stimme von Frontmann Ben. Rhythmisch anspruchsvoll wird es bei ’’Time-Bomb Ticking Away’’, das wie eine Warnung wirkt, wohingegen ’’Leave Them All Behind’’ eine Rock-Ballade darstellt, die man nicht besser hätte schreiben können.

Überhaupt ist dies das erste Album der Kanadier, das in einer leicht abgewandelten Besetzung aufgenommen wurde. Aufgrund seiner MS-Erkrankung konnte Schlagzeuger Aaron Solowoniuk das neue Album nicht einspielen, sodass er von Alexisonfire-Schlagzeuger Jordan Hastings ersetzt werden musste. Auf der aktuellen Sommer-Tour vertritt Hastings Solowoniuk ebenfalls. Die Band hofft allerdings, dass Gründungsmitglied Aaron ab der Europa-Tour im Oktober diesen Jahres wieder mit Ben, Ian und Jonathan auftreten kann!

Den Höhepunkt im Spannungsbogen stellt ’’Horses & Chariots’’ dar, das durch hervorragend gesetzte Piano-Klänge und die Aufforderung nach Zusammenhalt überzeugt. Mit ’’This Is Our War’’ und ’’February Winds’’ beenden Billy Talent auf sehr sozialkritische Weise ihr Album. Aber halt, nach dem eigentlich perfekten Abschluss ’’February Winds’’ folgt mit ’’Afraid of Heights (Reprise)’’ der letzte Song. Diesen hätten sich die vier Jungs wirklich sparen können. Die elektronisch angehauchte 2.0-Version des Titeltracks zerstört ein wenig das Momentum, das vorher erstklassig aufgebaut wurde und den Zuhörer nachdenklich zurückgelassen hätte. Dennoch ist man nach dem Durchhören dieses Albums wachgerüttelt.

Zusammengefasst kann man sagen, dass Billy Talent noch lange nicht den Titel Sell-Out verdient haben. Musikalisch gesehen ist dieses Album auch nur salonfähiger Rock, wie ihn andere Bands auch auf die Bühne zaubern, doch dieser Band ist anzumerken, dass sie etwas zu sagen hat. Es werden wichtige Themen wie Zweiklassengesellschaften, Ignoranz, Nichthandeln, Rassismus und auch die Flüchtlingskrise wie in ’’February Winds’’ angesprochen. Textzeilen wie ,,in the end we’re all the same’’ oder ,,we all need second chances’’ gegen Ende der Platte manifestieren dieses sozial- und politkritische Werk. Fans der ersten Stunde werden womöglich ein paar Anläufe brauchen, ehe sie sich für das neue Album begeistern können, doch dies tut einem sehr guten Rock-Album keinen Abbruch. Man darf sich auf den Herbst und Frühwinter freuen, wenn Billy Talent mit ihren alten Kassenschlagern und neuen Hits die deutschen Hallen zum Kochen bringen werden. Höhenangst müssen die Jungs definitiv nicht mehr haben!

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Jonathan Schütz