Was bleibt von…?: Enter Shikari – A Flash Flood of Colour

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„Was ist geblieben?“ – eine Frage, die im Laufe eines Lebens öfters mal anklopft. Was ist geblieben von der Naivität und Leichtigkeit der Kindheit, den Lebensträumen, der ersten großen Liebe?
In unserer neuen Rubrik „Was bleibt von…?“ möchten wir diese Frage in Bezug auf Alben stellen. Alben, die bereits erschienen sind und aus der Jetzt-Perspektive seziert werden: Welche Relevanz besitzt die Platte 2020? Welche Songs sind gewachsen? Welche in Vergessenheit geraten? Aber auch, welche Rolle spielte und spielt sie im Leben des/der Autors/Autorin. Dabei soll es vor allem um „versteckte“ Werke gehen, die nicht sofort auf dem Radar erscheinen, wenn über die jeweilige Band gesprochen wird. Zu unrecht vergessen, zu recht geliebt, aus guten Gründen verschmäht.
Wer weiß, vielleicht mogelt sich ja auch der ein oder andere Meilenstein dazwischen.
Die Form bleibt jedem/jeder Autor/Autorin selbst überlassen, von nüchterner Betrachtung bis zur radikalen Liebeserklärung ist alles erlaubt.
Wir wünschen euch viel Spaß mit „Was bleibt von…?“ und Folge 2: Enter ShikariA Flash Flood of Colour.

Es ist Sommer 2011, die Sonne strahlt fröhlich und beginnt schon auf der Haut zu brennen. Ich, zu diesem Zeitpunkt 16, bin vollends im siebten Himmel, da ich zum ersten Mal meine Lieblingsband sehen kann, und das im Ausland: Enter Shikari spielen, wie schon einige Male zuvor, auf der Vans Warped Tour in den USA und Kanada. Der nur halbstündige Gig in der brühenden Hitze Kaliforniens war hier genug, um mich für das kommende Jahrzehnt an die Band zu ketten, obwohl die Singles des nächsten Albums noch nicht einmal bekannt waren. Da ich hier bereits drei Jahre lang verfolgt hatte, was die Gruppe musikalisch treibt, war das anschließende Plaudern am Merch Stand mit den Jungs wie das Ende eines guten Märchens.

Oder eben doch nur der Anfang.

Wenige Monate später stehe ich aufgeregt im Wohnzimmer, mit meiner Special Edition Box von A Flash Flood of Colour. Doch damals war mir gewiss nicht bewusst, wie sehr die Platte meine zukünftige politische Einstellung und Songwriting Fähigkeiten prägen würde. Wo sich Common Dreads noch ein wenig viel im poetischen Drum N Bass und gähnenden Interludes verliert, perfektioniert das Drittwerk des Quartetts den Sprung zur gelungenen Integration von Metalcore Gitarren, flächigen Synthesizern und plastisch greifbaren Soundeffekten. Wie auch die zwei LPs zuvor wird auf einem Thema aufgebaut, welches in allen drei Intros aufgegriffen wird im Sinne einer Trilogie. Schwebende Elektronik spreizt ihre Flügel, ehe Streicher mit der Geschichtserzählung beginnen. Aus dieser Perspektive kristallisiert sich der Einfluss von Größen wie Refused im Text heraus, während die ein oder andere Nummer einem Prodigy Hit musikalisch in nichts nachsteht. Frontmann Rou Reynolds erzählt von einem Haus an der Klippe, welches als menschliches Konstrukt der Regeln und Systeme agiert, die wir über Jahrhunderte für uns und unsere Umwelt kreiert haben.

There was a house in a field on the side of a cliff
And the waves crashing below were just said to be a myth
So they ignore the warnings from the ships in the docks
Now the house on the cliff is the wreckage on the rocks

Das folgende …Meltdown schildert den Kollaps eben dieses Systems, da die “Wellen” das Haus zum Einsturz bringen. Dass Reynolds hiermit nicht nur Gesetze, sondern auch Kapitalismus, Landesgrenzen, Tyrannen, oder unsere Einstellung zum Naturschutz meint, wird im Laufe des Albums unverblümt klar. Genau so drastisch wie der Titel klingt, hört sich …Meltdown auch an: Der Hauptfokus des Liedes liegt auf einem wabernden, von Subbässen durchtränkten Breakdown, der live über die Jahre hinweg immer durch Mark und Bein gegangen ist. Hinsichtlich klarer Energiebündel warten dann noch das verspielte Hardcorebrett Sssnakepit, und die Stampfer Arguing With Thermometers als auch Gandhi Mate, Gandhi. Das erfrischende bei letzterem Lied ist, dass Enter Shikari sich dabei nicht zu ernst nehmen, und aus ihrem sonst seriösen Denken herausbrechen durch Analogien zu Gandhi und dem Appell, einfach mal kurz zu chillen.

Die Band wählt für die Präsentation ihres emotionalsten, wundesten Punkts eine gute Platzierung (Stalemate), die dem darauffolgenden, weniger aufregenden Warm Smiles Do Not Make You Welcome Here auch Raum zur Entfaltung lassen. Selbst in raren Momenten wie der Strophe wo die Musik nicht packt, pfeffert Reynolds eine satte Portion Lyrik in den Mix, um Musikmanager und ihr Mainstream Gatekeeping zur Rechenschaft zu ziehen. Die nicht antizipierbaren Wechsel innerhalb mancher Lieder (Search Party, Pack of Thieves) geben der CD einen Flow des leichten Ungewissens, was sich bis zum letztendlich hoffnungsvollen Epos Constellations hinzieht.

Was aber ist 2020 geblieben von A Flash Flood Of Colour?

In diesem Spannungsbogen der Hinterfragung politischer Handlungen, Systemkritik und Angst um das Bestehen der Welt auf Grund von unserem Umweltumgang, haben es Enter Shikari rückblickend geschafft, den jetzigen Status Quo der jungen Generation einzufangen. Da ist es auch kein Wunder, dass Reynolds und co. heute Unterstützer von Fridays for Future und Extinction Rebellion sind. Obwohl ein paar Synthesizer mittlerweile nicht mehr ganz up to date klingen, sollte man die Produktion wertschätzen als Gegenstück zu Skrillex im Mainstream während dieser Zeit des Dubstep Hochs. Während Metalcore und Post-Hardcore sich auf breitbeinige 0-0-0 Breakdowns lehnen, jagen Enter Shikari Elemente verschiedenster Stile erfolgreich durch den Fleischwolf, mit dem i-Tüpfelchen lyrischer Intelligenz. Durch seine immer noch relevante Thematik und Perspektive des Protests ist A Flash Flood of Colour eine der packendsten, mutigsten Veröffentlichungen seiner Zeit, und viele Lieder gelten schon als Klassiker bei Shows. Das neue Album Nothing is True and Everything is Possible verspricht eine Bandbreite an alten und neuen Sounds der Gruppe. Der Großteil der Fans zelebriert das Debüt Take to the Skies wegen seiner damals innovtiven Mixtur aus Trancecore und Post-Hardcore Elementen. Für mich aber wird das dritte Album der Multigenreverfechter der Maßstab für soziopolitisch kritische Texte und die clevere integration verschiedener Musikstile bleiben.

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Label: Ambush Reality
VÖ: 16.01.2012

Genre: Post-Hardcore, Trancecore, Dubstep, Hardcore, Punk

Musikalisches Erbgut:
Refused – The Shape of Punk to Come
Prodigy – Invaders Must Die

Diese Songs stechen heraus:
Das gesamte Album im Durchlauf.

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Alex Loeb

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